Das letzte Einhorn

Review: „Das letzte Einhorn“ (1982)

Sie verschwanden von allen Straßen, vor langer Zeit, und der rote Stier rannte dicht hinter ihnen und verwischte ihre Spuren…

Der rote Stier

„Man kann uns jagen, uns fangen; man kann uns sogar töten, wenn wir unseren Wald verlassen, aber wir verschwinden nicht!“ – das Einhorn, das in seinem verzauberten Wald lebt, so lange es denken kann, ist verwirrt, als es die beiden Jäger belauscht: Sollte es wirklich das letzte seiner Art sein, wie es die erfolglosen Waidmänner behaupten? Als dann auch noch ein dahergeflogener Schmetterling die Geschichte rund um einen mysteriösen roten Stier erzählt, der sämtliche anderen Einhörner vom Angesicht der Erde getilgt hat, lässt es den schützenden Wald hinter sich, um die Anderen zu suchen, in der Hoffnung, vielleicht einige von ihnen retten zu können. Hilfe auf seiner gefährlichen Reise bekommt es dabei von zwei unwahrscheinlichen Weggefährten: Schmendrick, dem Zauberer und Molly Grue, der Frau eines Räuberhauptmanns…

Schmendrick wäre gerne ein richtiger Zauberer.
„Du kannst mit mir kommen wenn Du willst, aber ich wünschte, Du hättest um einen anderen Lohn für meine Befreiung gebeten.“

Perfekt-unperfekte Charaktere

Was dem Film, der viel zu häufig als reiner Kinderfilm abgetan wird, eine besondere Tiefe verleiht, sind die Schwächen seiner Charaktere. Das Einhorn ist sich seiner Besonderheit mehr als bewusst; es ist stellenweise eitel und nicht sonderlich interessiert am Schicksal seiner Bekanntschaften. Schmendrick, der liebenswert-trottelige Zauberer, hat es bisher nur zum zweitklassigen Taschenspieler, zum Assistenten und Prügelknaben von Mommy Fortuna gebracht; einer Hexe mit einem Wanderzirkus voller tierischer Kuriositäten, die das Einhorn in einem unaufmerksamen Moment gefangen nimmt. Molly Grue ist desillusioniert – sie hat ihre besten Jahre an Räuberhauptmann Captain Cully verschwendet; der Traum vom abenteuerlichen Leben an seiner Seite, romantisch wie in der Geschichte um Robin Hood, entpuppte sich als trostloser und entbehrungsreicher Alltag inmitten von Kriminellen.

Die wohl tragischste Figur: König Haggard. Er thront in seinem Schloss über kargem Land und findet nichts mehr, das sein Leben noch lebenswert machen würde, außer dem täglichen Blick in die Meeresbrandung, die sich an den schroffen Felsen bricht – denn im Schaum der Wellen kann er sie sehen, die anderen Einhörner dieser Welt; allesamt in die Wogen getrieben vom roten Stier, der sie dort gefangen hält.

König Haggard und Prinz Lir
„Ich weiß sehr wohl, wofür Du gekommen bist und Du weißt sehr wohl, dass ich sie habe.“

Komplexe Themen, nicht nur für Kinder

Während Kinder natürlich zuerst von der ätherischen Schönheit des Einhorns beeindruckt sind, von den bunten Charakteren wie Zauberern, Hexen, Monstern und Helden und von der abenteuerlichen Geschichte, so enthält der Film doch viele Motive und Szenen, die eher Erwachsene ansprechen und die man in einem gewissen Alter schlichtweg noch nicht versteht.

Motive wie Sehnsucht, Verlust von Unschuld und eine gewisse grundlegende Schwermut sind überall im Film zu finden:

Schmendrick sehnt sich danach, endlich ein richtiger Zauberer zu sein. Er spürt, dass echte Magie in ihm schlummert, kann von Abenteuern und wichtigen Aufgaben jedoch nur träumen.
Prinz Lir sehnt sich nach der Liebe und Aufmerksamkeit von Lady Amalthea, wie das Einhorn in menschlicher Gestalt genannt wird. Der Adoptivsohn von König Haggard und klassische Held tötet Drachen, schreibt ihr Lieder und Gedichte, nur, um stets von ihr ignoriert zu werden.
Mommy Fortuna sehnt sich nach Unsterblichkeit, für die sie ironischerweise sogar bereit ist, ihr Leben zu geben. Neben zahlreichen, mittels Illusionen in Fabelwesen verwandelte Tiere hält sie eine echte Harpyie gefangen – wohlwissend, dass das mächtige Wesen eines Tages ihren Tod bedeuten wird.

Mommy Fortuna
„Oh sicher – eines Tages wird sie mich töten, aber sie wird nie vergessen, dass ich sie gefangen habe, dass sie meine Gefangene war!“

König Haggard sehnt sich nach Freude und Unbeschwertheit – so sehr, dass er das Einzige, das ihn jemals glücklich gemacht hat, einsperrt, damit er es täglich betrachten kann. Letztendlich plagt auch ihn eine gewisse Todessehnsucht, denn obgleich er schon vermutet, mit Amalthea, Schmendrick und Molly sein Verderben zum Schlosstor hineingelassen zu haben, ist das flüchtige Gefühl der Ungewissheit und Spannung immer noch besser als das triste Einheitsgrau seines täglichen Lebens.

Die verhärmte und resignierte Molly Grue hingegen reagiert mit einer Mischung aus Wut und Trauer, als sie das Einhorn zum ersten Mal trifft: Ihr Leben lang hat sie darauf gewartet, eins zu sehen, stattdessen jedoch nur triste Jahre voller Entbehrungen kennengelernt. Dass das Einhorn nicht das junge Mädchen aufgesucht hatte, das sie einst war, sondern damit gewartet hat, bis kein Funken Jugend und Unschuld mehr in ihr schlummern, verletzt Molly zutiefst.
Letztlich verliert auch das Einhorn selber seine Unschuld, als Schmendrick es in menschliche Form verzaubert, um es vor dem roten Stier zu retten. „Ich spüre, wie dieser Körper um mich herum zerfällt und stirbt,“ klagt Amalthea verzweifelt, vollkommen überwältigt von der bisher unbekannten Vergänglichkeit, mit der sie plötzlich konfrontiert wird. Ein Teil von ihr wird immer sterblich bleiben – auch, nachdem sie längst wieder ihre urspüngliche Form zurückerhalten hat.

Molly Grue
„Wenn Du darauf gewartet hättest, ein Einhorn zu sehen… so lange wie ich schon…“

Ein melancholisches Märchen für Groß und Klein

Mit seinen anspruchsvollen Themen hob sich Das letzte Einhorn schon in meiner Kindheit angenehm von der primär durch Disney geprägten Zeichtentrick-Unterhaltung ab, in einer Art, wie es zur gleichen Zeit nur Watership Down (1978) vermochte. Ich bin froh, mit beiden Filmen aufgewachsen zu sein, die mir eine Bandbreite an Emotionen vermitteln konnten, die die „klassische“ Kinderunterhaltung zu jener Zeit eher abging.

Und es mag an eben jenem nostalgischen Gefühl liegen, dass selbst mir als eingefleischtem Fan von Originalversionen die deutsche Fassung lieber ist als die englische – so gut und passend wurden die Synchronsprecher ausgewählt und so emotional spielen sie ihre Rollen. Christopher Lee spricht auch seine deutsche Version, wie er es bereits vorher und auch hinterher viele Male getan hat. Seine mal donnernde und übermächtige, mal alte und müde Stimme macht König Haggard zu dem großartigen Charakter, der er ist. Wer den Film dennoch im Original schaut, wird von berühmten Stimmen wie Alan Arkin, Mia Farrow und Jeff Bridges begleitet – also definitiv keine schlechte Entscheidung!
 
Ist Das letzte Einhorn ein perfekter Film? Objektiv gesehen vielleicht nicht; als kitschig und lieblos animiert wurde er schon damals oft bezeichnet. Für mich allerdings hat er auch 36 Jahre nach seinem Erscheinen nichts von seinem Zauber eingebüßt und ist mit mir „gewachsen“, sodass ich ihn problemlos mehrmals im Jahr anschauen könnte, ohne ihm jemals überdrüssig zu werden – und das macht ihn zumindest für mich zum perfekten Film!

Fakten und Bewertung

Originaltitel: The Last Unicorn
Land: USA/Japan/Großbritannien
Laufzeit: 92 Minuten
Regie: Jules Bass, Arthur Rankin Jr.
Drehbuch: Peter S. Beagle (Roman und Drehbuch)
Cast: Mia Farrow, Alan Arkin, Jeff Bridges, Christopher Lee
IMDb: 7,5
FSK: ab 6
Release: 19.11.1982 (USA)
 Seht hier den Trailer:
Bildrechte: Das letzte Einhorn © Filmwelt Verleihagentur GmbH
Friederike

Friederike

Admin und Autor bei Film und Feder
Warum ich über Filme schreibe? Weil Freude wächst, wenn man sie teilt!
Als jemand, der Filme häufig alleine schaut, fehlte mir oft der Austausch nach dem Abspann - die Diskussion kontroverser oder unklarer Aspekte, die Hoffnung, dass mein Gegenüber meine Lieblingsszene genau so mochte wie ich und manchmal auch nur das schamlose Schwärmen über den Hauptdarsteller. Das Veröffentlichen meiner Gedanken zum Film ermöglicht mir diesen Austausch mit einer großen Anzahl an Menschen, die das Medium ebenso lieben, wie ich.
Friederike

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