Review: „Der Hauptmann“ (2017)

„Tattoo“-Regisseur Robert Schwenkte kehrt nach über 13 Jahren zu seinen Wurzeln zurück und  präsentiert mit „Der Hauptmann“ einen schonungslosen, surrealen Albtraum in schwarz und weiß.  

„Kleider machen Leute“ heißt es so schön in einer Novelle des Schweizer Dichters Gottfried Keller. Dass in diesen drei Worten viel Wahres steckt, zeigt sich im Falle Willi Herold, einem deutschen Gefreiten, der als Deserteur auf der Flucht vor der Hinrichtung kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs einen verlassenen Wagen mitsamt Kiste und Offiziersuniform findet und sich dieser kurzerhand bemächtigt. Ohne zu überlegen, streift er sich die Uniform über und wird somit zum „Hauptmann“. Mittels seiner neu gefunden Position sammelt Herold eine treue Gefolgschaft versprengter Soldaten um sich, welche froh sind, einen Befehlshaber gefunden zu haben. Doch aus anfänglicher Neugier über seine damit verbunden Macht wird schnell bitterer Ernst – und Herold mutiert Stück für Stück zu dem, wovor er eigentlich geflohen ist…

 

Nach zuletzt eher mittelmäßigen Filmen wie R.E.D. – Älter, Härter, Besser, oder R.I.P.D.  kehrt der deutsche Regisseur Robert Schwentke zu seinen Wurzeln zurück und präsentiert mit Der Hauptmann einen Film, der mehr ist, als standardisiertes Massenkino. Basierend auf dem schockierenden Fall des Kriegsverbrechers Willi Herold, der 1946 für die von ihm angeordneten Morde an mehr als 100 Menschen hingerichtet wurde, gewährt uns Schwentke einen Einblick in eine Zeit des blinden Gehorsams und in eine vollends verrohte Gesellschaft.

Ein Soldat, der sich auf der Flucht einer Offiziersuniform bemächtigt und vom gehetzten Schwein zum Schlachter mutiert, klingt anfangs einfach zu abstrakt und viel zu weit hergeholt, um wahr zu sein. Und genau diese Abstraktheit zelebriert Schwenkte mit vollem Genuss. Fast schon grotesk und fernab jeglicher Wirklichkeit, schafft der Stuttgarter Filmemacher einen erschreckend realen Albtraum aus schwarz-weißen Bildern. Untermalt durch einen bedrohlichen Klangteppich erinnert Der Hauptmann oftmals an einen experimentellen Horrorfilm, bei dem die Spannung in der Luft zum Greifen nah ist. Jede falsche Regung, jede falsche Äußerung oder jede falsche Handlung könnte für alle Beteiligten die letzte sein.

Und doch: Abseits all der grausamen, zum Teil menschenverachtenden Bilder vom Abschlachten wehrloser Gefangener, die sich wie eine gefühlte Ewigkeit hinziehen, nimmt sich der Film auf der anderen Seite oftmals gar nicht ernst. Dabei werden Erinnerungen an Stanley Kubrick oder Federico Fellini wach. In diesen Momenten streift der Film in einen surrealen, bitterbösen, schwarzen Humor ab, bei dem man nicht genau weiß, ob man über das Gezeigte nun lachen darf oder nicht. Eine solche Kombination aus Faszination und Abscheu, Humor und Schrecken habe ich in einem deutschen Film selten erlebt.

Natürlich ruht sich der Film nicht auf seiner hervorragenden und provokanten Inszenierung aus. Einen großen Beitrag leisten auch die exzellenten Darstellungen aller Schauspieler. Max Hubacher reduziert seine Darstellung Herolds auf ein Minimum und erschafft damit eine distanzierte, fast schon unwirkliche Silhouette der eigentlichen Figur. Hat man anfangs noch Mitleid mit diesem armen Tropf, schlägt dies im Laufe des Films in pure Abscheu um, die einen fahlen Geschmack hinterlässt. Milan Peschel und Frederick Lau hingegen stehen im krassen Kontrast zu Max Hubacher. Ihre Figuren sind gefühlsbetonter und weniger undurchsichtig. Gerade Frederick Lau gibt hier seine bei weitem beste Performance als respektloser, gieriger Schlägertyp, ohne dabei ins Lächerliche zu rutschen, während Milan Peschel als Gefreiter Freytag definitiv den Zuschauerbonus erhält und damit den Schrecken noch greifbarer macht, der ihm unter der Führung Herolds widerfährt.

Das einzige Manko an diesem Film – und damit stehe ich nicht alleine da – ist die Entscheidung Schwentkes bezüglich des Abspanns. Fast schon rotzfrech und im extremen Kontrast zum vorher gesehenen Film, passt die gezeigte Szenerie eher zur Komödie Er ist wieder da und lässt den Zuschauer irritiert zurück. Doch das bleibt der einzige Makel dieser großartigen Inszenierung!

Fazit: Geschichtsunterricht einmal anders. Robert Schwentkes neuestes Werk schickt den Zuschauer an den Rand des Erträglichen und präsentiert einen Albtraum in schwarz und weiß. Noch nie war deutsches Genrekino besser!

Fakten und Bewertung

Originaltitel: Der Hauptmann
Land: DE/FR/PL
Laufzeit: 119 Minuten
Regie: Robert Schwentke
Drehbuch: Robert Schwentke
Cast: Max Hubacher, Frederick Lau, Milan Peschel, Alexander Fehling u.a.
Soundtrack Martin Todsharow
FSK: 16
Kinostart: 15.03.2018

Bildrechte „Der Hauptmann“ © Weltkino Filmverleih

Jörg

Jörg

Autor bei Film und Feder
Hier soll etwas über mich drin stehen. Wo fange ich an? Hi ich bin...ach wisst ihr was? Ich mache es euch ganz einfach.

Filme sind meine Religion, das Kino meine Kirche, Quentin Tarantino mein Messias und die Hollywood Studios mein Mekka. Ohne all dieses bin ich ein Nichts. Ich bin verloren in der Magie des Films. Alles ist real, außer ich lasse es nicht zu.

Wie schon einst Stanley Kubrick sagte:
“A film is – or should be – more like music than like fiction. It should be a progression of moods and feelings. The theme, what’s behind the emotion, the meaning, all that comes later.”
Jörg

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