Review: „The Shape Of Water – Das Flüstern des Wassers“ (2017)

Guillermo del Toro liebt das scheinbar Andersartige – ob in „The Devil’s Backbone“, „Hellboy“ oder „Pans Labyrinth“. Kuriositäten, Fremde oder schlicht als “Freaks” betitelte Außenseiter, sind für den mexikanischen Regisseur mehr als nur Randfiguren in seinen Filmen. Sie sind der Antrieb, der seine Geschichten vorantreibt, denn irgendwie normal, kann jeder. Und was eignet sich besser als eine Geschichte über einen Fischmenschen?

1954 schuf Regisseur Jack Arnold mit Creature Of The Black Lagoon einen Monster-Film, der bis heute zu den Musterbeispielen des Subgenre gilt und immer wieder in gleichen Atemzügen wie King Kong oder Der weiße Hai genannt wird. Das Thema von Isolation und Einsamkeit wurde hier mit teils erotischen Untertönen sowie einer spannungsgeladenen Horrorgeschichte soweit ausgebaut, dass das Monster mehr als nur ein Schreckgespenst darstellte. Es war ein Außenseiter, etwas Missverstandenes. Genau die Sorte tragischer Figuren, die del Toro so anzieht. Und so versucht dieser, eben jener, als gottgleich verehrten Gestalt, Tribut zu zollen. Was leider nur bedingt funktioniert.

Denn während der Film durchaus mit wunderschönen Schauwerten und ebenso hervorragenden Schauspielern aufwartet, bleibt im Kern nichts anderes als eine platte Gut-gegen-Böse Geschichte übrig, die sich im Deckmantel eines Märchen suhlt. Die Story um die stumme Elisa, die sich in das fremde Wesen verliebt, weil es ebenfalls ein Außenseiter ist, wirkt dabei auf den ersten Blick wie die klassische Hollywood-typische Liebesgeschichte und versprüht dabei so unglaublich viel Charme und Mitgefühl, dass sich ein wohliges Gefühl in der Magengegend einstellt. Genau das ist es, was der Zuschauer sehen möchte.

Wie schon einst in Die Schöne und das Biest. Doch genau da liegt der Knackpunkt. Alles läuft irgendwie nach Schema F ab. Wie malen nach Zahlen. Man kommt nicht umher zu ahnen, was als nächstes kommt und wird wenig überrascht. Es gibt keine Ausfälle in dieser, streng nach Muster erzählten, schwarz-weiß Malerei. Grauzonen sucht man vergebens. Ein wenig Rassismus hier, Homophobie dort.  Gut ist Gut, Böse ist Böse. Der Zuschauer leidet mit Sally Hawkins, findet Empathie mit Richard Jenkins und hasst im Gegensatz dazu Michael Shannon.

Das Monster, der Kern der Geschichte, bleibt dabei so nebensächlich, dass man fast vergisst, dass es doch der Antrieb des Ganzen sein soll.  Dabei macht Doug Jones als Fischmensch einen großartigen Job und sieht auch noch hervorragend aus. Man kann schon sagen, dass alles ringsum der Story herum toll ist. Das Setting versprüht eine so schöne feucht-schaurige Atmosphäre, das man diese förmlich spüren kann und man sich fragt, ob es vielleicht irgendwo schimmelt. Das Amerika der 60er ist gut umgesetzt und spielt gekonnt mit dem Ost-West Konflikt der damaligen Zeit. Der Score von Alexandre Desplat wechselt wunderbar von verträumt zu bedrohlich hin und her und schafft einen Genuss für die Ohren.

Ebenso die komplette Darstellerriege macht einen sehr guten Job. Allen voran Richard Jenkins und Octavia Spencer, als homosexueller Werbezeichner und Elisas Kollegin bei der Putzkolonne, haben die meisten Lacher auf ihrer Seite, ohne dabei aus der Rolle zu fallen. Michael Shannon spielt auch hier routiniert gut, driftet aber manchmal ins over-the-top-Acting ab und wirkt oft eher wie ein Disney Bösewicht als eine reale Figur. Und Sally Hawkins? Nun ja… sie stiehlt allen die Show und schafft es gekonnt, dem Zuschauer das Herz zu stehlen. Wie ein alter Stummfilmstar ist sie charmant und liebevoll in Szene gesetzt, was auch an der fantastischen Regie-Arbeit von Guillermo del Toro liegt, für die er verdienterweise mit dem Golden Globe ausgezeichnet wurde.

Doch was bleibt am Ende, wenn die Credits rollen? Vielleicht Irritation, weil man nicht weiß was man von dem Film halten soll. Denn während The Shape Of Water einerseits viel richtig macht, macht er anderseits ebenso viele, wie auch vermeidbare Fehler. So ist der Film ein wunderschönes Märchen, hinter dem sich überraschenderweise wenig verbirgt. Man kann sich rein von der Optik blenden, und sich damit von Guillermo del Toro’s Tribut an einem der größten Klassiker des Monsterfilms berauschen lassen, oder man schaut ein wenig hinter dem Offensichtlichen und entdeckt die Wahrheit. Wie auch im Falle des Fischmenschen. Denn auch der erste Eindruck trübt manchmal das Gesamtbild.

Fazit: The Shape Of Water ist ein gut aussehender Film, der dank toller Darsteller und einer hervorragenden Regiearbeit, nicht ganz im Sumpf der Gleichgültigkeit untergeht. Denn, so wundervoll der Film optisch auch sein mag, verschenkt del Toro im Drehbuch viel Potential und liefert ein stereotypisches Märchen aus Gut und Böse. Den Oscar als besten Film verdient er somit sicher nicht.

 

Fakten und Bewertung

Originaltitel: The Shape Of Water
Land: US
Laufzeit: 123 Minuten
Regie: Guillermo Del Toro
Drehbuch: Guillermo Del Toro, Vanessa Taylor 
Cast: Sally Hawkins, Doug Jones, Michael Shannon, Richard Jenkins, Octavia Spencer, Michael Stuhlbarg u.a.
Soundtrack Alexandre Desplat
FSK: 16
Kinostart: 15.02.2018

Bildrechte „The Shape Of Water“ © Twentieth Century Fox of Germany GmbH

Jörg

Jörg

Autor bei Film und Feder
Hier soll etwas über mich drin stehen. Wo fange ich an? Hi ich bin...ach wisst ihr was? Ich mache es euch ganz einfach.

Filme sind meine Religion, das Kino meine Kirche, Quentin Tarantino mein Messias und die Hollywood Studios mein Mekka. Ohne all dieses bin ich ein Nichts. Ich bin verloren in der Magie des Films. Alles ist real, außer ich lasse es nicht zu.

Wie schon einst Stanley Kubrick sagte:
“A film is – or should be – more like music than like fiction. It should be a progression of moods and feelings. The theme, what’s behind the emotion, the meaning, all that comes later.”
Jörg

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