Szenenbild mother!

Das Filmjahr 2017 – Ein Rückblick

Was für ein starkes Jahr, auf das wir zurückblicken können!

Im Vergleich zur gleichen Zeit in 2017 fällt es mir diesmal wirklich schwer, mich bei all den unterhaltsamen, spannenden, originellen und bewegenden Filmen des vergangenen Jahres auf wenige Favoriten zu beschränken. Verzeiht mir daher bitte, falls es ein wenig umfangreicher wird – und genießt die Empfehlungen aus dem Filmjahr 2017, die Ihr noch nicht kanntet!

Spannend

Neben dem gelungenen ersten Teil des Remakes von Stephen Kings Grusel-Klassiker IT mit einem tollen Kinder-Ensemble, dem neuesten Streich von M. Night Shyamalan, Split, und dem Überraschungs-Hit Get Out hat mich ein Film besonders gefesselt: Wind River. Der packende Thriller vor der verschneiten Kulisse eines abgelegenen Indianerreservats in Wyoming kommt ohne übernatürliche Gimmicks aus, ohne Jump Scares oder durchgedrehte Psychokiller. Stattdessen bietet Wind River starke Charaktere (Jeremy Renner in seiner bisher besten Rolle und Elisabeth Olsen, die mich sehr positiv überrascht hat), solide Ermittlungsarbeit und einen tragischen Kriminalfall, der einem auch nach dem Ende des Films noch schwer im Magen liegenbleibt.

Szenenbild Wind River
Packender Thriller im Eis: Wind River © Wild Bunch/Central Film

Blockbuster

Da ich den Superhelden in diesem Jahr eine eigene Kategorie gönne, bleiben als klassische Blockbuster die anderen großen – und vor allem groß beworbenen – Filme des Jahres. Während Christopher Nolan in Dunkirk die Zuschauer auf beeindruckende Weise mitten in die Evakuierungsanstrengungen an den Strand von Dünkirchen versetzte und mit Star Wars: The Last Jedi der neueste Teil der großen Weltall-Saga die Massen in die Kinosäle zog, hat mich in 2017 Blade Runner 2049 am meisten beeindruckt.

Erwartet hatte ich ihn bereits seit der ersten Ankündigung mit einer Mischung aus Vorfreude und Angst. Regisseur Denis Villeneuve hatte nach seinen bisherigen Erfolgen Enemy, Sicario und Prisoners zwar spätestens mit Arrival (meinem Favoriten aus 2016) bewiesen, dass er auch „große“ Filme eindrucksvoll und souverän umsetzen kann – dennoch blieb ein Rest Skepsis, da der erste Blade Runner nach wie vor als Meisterwerk gilt, dem es gerecht zu werden galt. Herausgekommen ist ein optisch umwerfender, meditativer Neo-Noir Science Fiction Thriller, der sich hinter dem mittlerweile 35 Jahre alten Original in keinster Weise zu verstecken braucht.
Das umwerfende Setdesign, Roger Deakins‘ epische Kameraarbeit, der fabelhafte Score von Hans Zimmer und Benjamin Wallfisch und natürlich die Darstellungen von Ryan Gosling, Harrison Ford und allen weiteren Beteiligten haben mich so, so glücklich gemacht! Dass der Film an den Kinokassen hinter den Erwartungen zurückblieb, zeigt leider, wie sehr Werke wie dieses den aktuellen Sehgewohnheiten der Menschen widerstreben. Langsame Kamerafahrten, eine sorgfältige Ausarbeitung der Charaktere und eine Handlung, die nicht von Szene zu Szene voranpeitscht, mögen nicht jedermanns Sache sein – wer sich allerdings darauf einlässt, wird es nicht bereuen!

Szenenbild Blade Runner 2049
Düsterer Neo Noir Science Fiction-Thriller: Blade Runner 2049 © Sony Pictures Releasing GmbH

Heldenhaft

Dass Marvel seit einigen Jahren die Massen mit seinen Comicverfilmungen und seinem umfangreichen Superhelden-Universum fest im Griff hat, ist nichts Neues. Von den insgesamt vier Marvel-Vehikeln in 2017 habe ich Thor: Ragnarok besonders genossen. Quietschebunt und vor allem unglaublich witzig hat dieses dritte Abenteuer des berühmten Donnergottes zum Glück zumindest stilistisch mit den beiden vorherigen Teilen nichts gemein, sondern macht einfach nur verdammt viel Spaß!
Im Gegensatz zum hammerschwingenden Asgard-Helden hatte ich Wonder Woman zuerst gar nicht auf meiner Wunschliste stehen. Zu wenig hatte mich Gal Gadots Kurzauftritt im nervigen Batman v. Superman im Vorjahr überzeugt, was allerdings nicht ihre Schuld war – der Film war einfach Mist. Unter der Regie von Patty Jenkins ist Wonder Woman allerdings zu einer warmherzigen Origin-Story geworden, deren Charaktere  tiefgründig und sympathisch rüberkommen. Gal Gadot ist die Idealbesetzung für die titelgebende Heldin, deren Motivation stets der Glaube an das Gute in der Menschheit ist. Gadot verkörpert Diana von Themyscira mit einer ausgewogenen Mischung aus Naivität und Stärke, aus Empathie und Mut. Ebenso erfrischend: Chris Pines Charakter Steve Trevor, der in weniger fähigen Händen als denen von Jenkins vielleicht zu einem klischeehaften Love Interest verkommen wäre, so aber eine passende Ergänzung der Heldin bildet.
Ein Blockbuster mit Herz und Verstand!

Gal Gadot in Wonder Woman
Kämpft mit Herz und viel Mut: Wonder Woman © Warner Bros. Entertainment

Abgefahren

Es gab sie auch im letzten Jahr, die Geschichten abseits des Mainstreams, die ungewöhnlichen Konzepte und die skurrilen Charaktere. Die Filme, die man erst beim zweiten Anschauen versteht oder vielleicht auch nie vollständig, die auch mal sperrig sein dürfen und unbequem. Die einem zeigen, dass ein Film nicht nur mit Happy End und klassischer Story gut ist, sondern die das Publikum herausfordern und vielleicht sogar ohrfeigen.
Da war Personal Shopper, in dem eine großartige Kristen Stewart (drei Worte, von denen ich noch vor wenigen Jahren nie gedacht hätte, dass ich sie im selben Atemzug verwenden würde), sich selbst und ihren toten Bruder sucht. Colossal, der eine Geschichte über Sucht und ihre hässlichen psychologischen Begleiterscheinungen in ein Abenteuer mit Godzilla-ähnlichen Monstern verwandelt. Der „Lovecraft-ige“ Mystery-Horror The Endless, in dem zwei Brüder zur Endzeit-Sekte zurückkehren, in der sie aufwuchsen, um festzustellen, dass die Gurus mit ihren Visionen offenbar gar nicht so falsch lagen oder Thelma, deren telekinetischen Kräfte sie übermannen, als sie sich zum ersten Mal verliebt.

Szenenbild Thelma
Thelma weiß nicht, was mit ihr geschieht… © SF Norge A/S

Zwei Filme aber heben sich in ihrer provokativen Art und ihrer Kuriosität von diesen Werken ab:
The Killing of a Sacred Deer ist der neue Film von Regisseur Yorgos Lanthimos, der im letzten Jahr bereits mit The Lobster in der „abgefahren“-Rubrik gelandet war. Colin Farrell spielt einen erfolgreichen Chirurgen, den seine Vergangenheit in Form eines mysteriösen Jungen einzuholen scheint. Viel mehr zur Handlung zu sagen, wäre kontraproduktiv, denn die Verwirrung und wachsende Verzweiflung, die Farrells Charakter im Laufe des Films spürt, übertragen sich 1:1 auf die Zuschauer, was ein großer Teil des Reizes dieses Films ist. Scheinbar alltägliche, harmlose Szenen füllen einen mit wachsender Unruhe und Unbehagen, da wir spüren, dass irgendetwas eben doch nicht harmlos daran ist. Barry Keoghan, der bereits in Dunkirk glänzen durfte, stellt den junden Martin mit schon fast an Apathie grenzendem Stoizismus dar – überhaupt agieren alle Charaktere merkwürdig artifiziell, was den befremdlichen Charakter des Films nur noch verstärkt. Freut Euch auf zwei großartig seltsame Stunden!

The Killing of a Sacred Deer - Colin Farrell
Scheinbar hilflos: Colin Farrell in The Killing of a Sacred Deer © A24
mother! Filmplakat
Krass: mother! ©Paramount Pictures Germany

mother! ist der wohl polarisierendste Film des Jahres, der das (zu kleine) Publikum entzweit und schockiert hat. Ein Dichter mit Schreibblockade und seine junge Frau leben in ihrer eigenen, kleinen Idylle in einem alten Landhaus, das Sie liebevoll restauriert, während Er über seinem neuen Werk brütet. Eines Tages tauchen ungebetene Gäste auf, und von diesem Punkt an geht alles den Bach runter. Was haben wir intern über diesen Film diskutiert! Mich hat mother! bis heute nicht in Ruhe gelassen und war im allerbesten Sinne einer der schlimmsten und unangenehmsten Filme, die ich je gesehen habe – und was habe ich es genossen! Mir war egal, dass ich nicht verstand, was dort auf der Leinwand passierte, ich habe die wachsende Panik von Jennifer Lawrences Charakter mitempfunden und mich gleichzeitig darin gesuhlt. Ich war schockiert und verwirrt und wütend und gleichzeitig so glücklich, diesen durchaus anstrengenden Film sehen zu dürfen. Uneingeschränkt empfehlen kann ich mother! nicht – dazu ist er zu speziell. Wer aber Lust auf eine filmische Herausforderung hat und einen einigermaßen starken Magen mitbringt, dem sei Darren Aronofskys Werk wärmstens ans Herz gelegt. Tut Euch selber den Gefallen und lest die zahlreichen Interpretationen erst hinterher!

Herausragend

Was soll da noch kommen, fragt Ihr Euch? Ganz einfach: Zwei Filme, die mich auf ganz unterschiedliche Art sehr berührt haben und deren Titel zumindest diejenigen unter Euch, die sich ein bisschen mit den alljährlichen Filmpreisverleihungen befassen, mit Sicherheit schon gehört haben: Die Rede ist von Call Me by Your Name, den ich hier bereits besprochen habe und nicht müde werde, ihn jedem zu empfehlen, den ich kenne, sowie Three Billboards Outside Ebbing, Missouri. Die wunderbare Frances McDormand spielt die Rolle ihres Lebens als Mildred, deren Trauer um ihre ermordete Tochter in Wut auf die ermittelnden Polizisten umschlägt, die in ihren Augen nicht genug tun, um das grausame Verbrechen aufzuklären. Das Drama ist gespickt mit bitterbösem Humor und trägt die unverkennbare Handschrift von Regisseur Martin McDonagh, der bereits mit In Bruges und Seven Psychopaths tiefschwarze Komödien inszenierte. Alle Rollen sind fabelhaft besetzt – von Woody Harrelson als im Mittelpunkt von Mildreds Anschuldigungen stehender Chief Willoughby über Sam Rockwells rassistischen, von Frust und Aggressionen geplagten Deputy Dixon bis hin zur kleinen (sorry) Rolle von Peter Dinklage, der sich zu der von Wut zerfressenen Mildred aus irgendeinem Grunde hingezogen fühlt. Frances McDormand ist mein großer Tipp für den Oscar als Beste Hauptdarstellerin – verdient hätte sie ihn auf jeden Fall!

Frances McDormand in Three Billboards Outside Ebbing, Missouri
Mildred sucht Gerechtigkeit in Three Billboards Outside Ebbing, Missouri © Twentieth Century Fox of Germany GmbH

 

Titelbild: mother!, © Paramount Pictures Germany

Friederike

Friederike

Admin und Autor bei Film und Feder
Warum ich über Filme schreibe? Weil Freude wächst, wenn man sie teilt!
Als jemand, der Filme häufig alleine schaut, fehlte mir oft der Austausch nach dem Abspann - die Diskussion kontroverser oder unklarer Aspekte, die Hoffnung, dass mein Gegenüber meine Lieblingsszene genau so mochte wie ich und manchmal auch nur das schamlose Schwärmen über den Hauptdarsteller. Das Veröffentlichen meiner Gedanken zum Film ermöglicht mir diesen Austausch mit einer großen Anzahl an Menschen, die das Medium ebenso lieben, wie ich.
Friederike

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