Szenenbild aus "Familiye"

Review: „Familiye“ (2017)

Blut ist dicker als Wasser – und ein Leben im Kiez nicht einfach…

Familiärer Zusammenhalt im Problembezirk

„Familiye“ – so heißt der Eröffnungsfilm des diesjährigen Internationalen Filmfests Oldenburg, und der Name ist Programm. Teils Milieustudie, teils Thriller ist der Film die Geschichte dreier Brüder und spielt größtenteils in der Spandauer Lynarstraße, in der die beiden Drehbuchautoren (und Darsteller) Kubilay Sarikaya und Sedat Kirtan aufgewachsen sind.

In diesem Kiez leben die drei Brüder Danyal, Miko und Muhammed. Danyal, der Älteste der drei, ist gerade erst aus der Haft entlassen worden und erpicht darauf, seinen beiden Brüdern ab sofort ein verantwortungsvolles Vorbild zu sein. Besonders nötig hat dies Miko, der Jüngste im Bunde – er ist in Danyals jahrelanger Abwesenheit in die Spielsucht abgedriftet und hat es bisher nur mit größtem Wohlwollen eines engagierten Sozialarbeiters zu verhindern geschafft, dass Muhammed, der das Down-Syndrom hat, wegen Verdachts auf Verwahrlosung in eine Einrichtung eingewiesen wird. In diese eingeschworene Männergemeinschaft platzt die mysteriöse Sila, die scheinbar wie aus dem Nichts auftaucht und von Danyal und Miko anfangs eher widerwillig Obdach gewährt bekommt. Mikos hohe Spielschulden bei den „schweren Jungs“ des Kiezes abzulösen, gegen seine eigene Rückkehr auf die schiefe Bahn anzukämpfen und gleichzeitig die Familie zusammenzuhalten, stellt Danyal vor eine große Herausforderung.

Familiye - Danyal
Danyal (Kubilay Sarikaya) will nach der Haft ein anständiges Leben führen.

Darsteller

Es dauert einige Minuten, bis man sich in das – für die meisten Zuschauer vermutlich eher fremde – Milieu „eingefühlt“ hat. In dem von Gewalt und Kriminalität geprägten Umfeld herrscht ein roher Umgangston, der sicher anfangs für so einige hochgezogene Augenbrauen sorgen wird. Allerdings versteht es „Familiye“ wunderbar, die von vielen Schwierigkeiten geprägte, aber liebevolle Beziehung der Brüder untereinander zu vermitteln und bringt die Zuschauer dadurch zum Mitfiebern für die Charaktere. Besonders hervorzuheben sind zwei Darstellungen: Arnel Taci, der den Miko verkörpert – ein junger Mann, der durch seine zahlreichen Fehlentscheidungen und Charakterschwächen eigentlich komplett unsympathisch sein sollte, der einen aber dazu bringt, sich gut in die Rolle seines älteren Bruders versetzen zu können. So möchte man ihn einerseits wirklich des Öfteren gerne an die Wand klatschen, wünscht ihm aber gleichzeitig, dass er sein Leben endlich auf die Reihe bekommt. Der heimliche Star des Films ist allerdings Muhammed Kirtan, der natürlich auch im wahren Leben mit dem Down-Syndrom lebt und der in jeder Sekunde auf der Leinwand alle Sympathien auf seiner Seite hat und für viele humoristische Momente sorgt. Gleichzeitig unerwartet, aber auch sehr positiv zu bewerten ist die Art, wie sowohl selbstverständlich als auch warmherzig alle Charaktere mit ihm agieren, obwohl wir uns hier in einer absoluten Machokultur bewegen – nicht nur seine Brüder, sondern auch alle anderen „harten Kerle“ im Film.

Die Rolle der Sila bleibt leider verhältnismäßig blass. Das ist allerdings dem Drehbuch geschuldet und nicht der Darstellung durch Violetta Schurawlow. Silas Herkunft und Geschichte bleiben völlig unbekannt. Leider wird sie darauf reduziert, für eine kurze Zeit die Dynamik zwischen den drei Brüdern zu beeinflussen, trägt allerdings zur Story nichts Entscheidendes bei. Es scheint, als sei ihre Rolle ein wenig aus der Not geboren worden, unbedingt noch einen weiblichen Charakter hinzufügen zu wollen, die Not allerdings nicht groß genug, um ihr tatsächlich etwas zu tun zu geben – schade, denn da war durchaus Potential!

"Familiye" - Danyal, Muhammed und Miko
Danyal und Miko (Arnel Taci) kümmern sich um ihren Bruder Muhammed (Muhammed Kirtan).

Fazit

Dass die Story und auch vereinzelte Darstellungen ab und zu etwas holprig daherkommen, kann man dem Erstlingswerk der beiden Autoren durchaus verzeihen. Stellenweise driftet der Film in aus deutschem „Gangster-Rap“ bekannte Klischees ab, was Fans des Genres vermutlich erfreut, ansonsten aber in einigen Passagen eher mildes Augenrollen hervorruft. Dass „Familiye“ – der bisher noch auf der Suche nach einem Filmverleih ist – das Oldenburger Filmfest eröffnen durfte, ist dem Engagement von Co-Produzent Moritz Bleibtreu zu verdanken, der nach eigener Aussage „einen fertigen Film vor die Füße gelegt bekam und so begeistert davon war“, dass er ihn einfach unter seine Fittiche nehmen und ihm mit dem Zugpferd seines eigenen Namens die Öffentlichkeit verschaffen musste, die er verdient.

Im Rahmen unserer Berichterstattung über das 24. Internationale Filmfest Oldenburg präsentieren wir Euch ausgewählte Filme aus dem offiziellen Festivalprogramm vom 13. bis zum 17. September 2017.
 
Fakten und Bewertung

Originaltitel: Familye
Land: Deutschland
Laufzeit: 93 Minuten
Regie: Erhan Emre
Drehbuch: Kubilay Sarikaya, Sedat Kirtan
Cast: Kubilay Sarikaya, Arnel Taci, Muhammed Kirtan
FSK: bisher nicht bewertet
Release: bisher kein Releasedatum bekannt
 Seht hier den Trailer:
Bildrechte: Familiye © Internationales Filmfest Oldenburg
Friederike

Friederike

Admin und Autor bei Film und Feder
Warum ich über Filme schreibe? Weil Freude wächst, wenn man sie teilt!
Als jemand, der Filme häufig alleine schaut, fehlte mir oft der Austausch nach dem Abspann - die Diskussion kontroverser oder unklarer Aspekte, die Hoffnung, dass mein Gegenüber meine Lieblingsszene genau so mochte wie ich und manchmal auch nur das schamlose Schwärmen über den Hauptdarsteller. Das Veröffentlichen meiner Gedanken zum Film ermöglicht mir diesen Austausch mit einer großen Anzahl an Menschen, die das Medium ebenso lieben, wie ich.
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