Review: „Ihre beste Stunde – Drehbuch einer Heldin“ (2017)

Basierend auf den Roman „Their Finest Hour And A Half“ aus dem Jahre 2009 schuf die dänische Regisseurin Lone Scherfig („An Education“) mit Gefühl für Feinsinnigkeit eine Tragikomödie, die in lockerem Ton von einer schweren Zeit erzählt.

London 1940: Catlin Cole (Gemma Arterton) heuert in den Wirren des zweiten Weltkriegs beim „Ministerium für Informationen“ an, um sich und ihren Freund, den Künstler Ellie Cole (Jack Huston), über Wasser zu halten. Ihre Rolle im Ministerium ist einfach: Sie soll als Drehbuchautorin helfen, den vom Ministerium in Auftrag gegeben Propagandafilmen eine „weibliche Note“  zu verleihen und so der Nation in Kriegszeiten ein Gefühl der Hoffnung wieder zu geben. Dabei muss sie mit dem etwas zynischen, aber durchaus sehr cleveren Drehbuchautoren Tom Buckley (Sam Claflin) zusammenarbeiten. Nach anfänglichen Schwierigkeiten raufen sich beide zusammen und machen sich daran, ein aufmunterndes Drehbuch für einen Film zu schreiben, der die heldenhafte Evakuierung einiger Soldaten aus der kurz zuvor beendeten Schlacht von Dünkirchen erzählen soll. So machen sich die beiden, zusammen mit dem abgehalfterten, selbstverliebten Schauspieler Ambrose Hillard (Bill Nighy) sowie einer bunt gemischten Filmcrew daran, einen passendes Drehbuch und einen fertigen Film auf die Beine zu stellen. Doch das klingt einfacher als gedacht.

Wenn bei einem Film im Vorspann das Wort BBC erscheint, kann man in neun von zehn Fällen davon ausgehen, einen guten Film präsentiert zu bekommen. So auch in diesem Fall – „Ihre beste Stunde“ ist einfach toll! Mit der perfekten Mischung aus Komik und Dramaturgie schafft es Lone Scherfig, den Zuschauer die ganze Spielfilmlänge über bei Laune zu halten. Durch eine gekonnt ausbalancierte Inszenierung, clevere Dialoge, wirklich klugen Witz und unglaublich charmante Charaktere entwickelt der Zuschauer schnell ein Gefühl für die Figuren und ihre Geschichte. Wenn sich Catlin und Tom beispielsweise ganz im Stile einer Screwball-Komödie verbale Wortduelle liefern, ist das nicht nur amüsant, sondern erinnert auch stellenweise an alte Howard Hawks- oder Billy Wilder-Klassiker. Doch zwischen all diesen komischen und durchaus sehr beschwinglichen Passagen, die immerhin einen Großteil des Films einnehmen, vergisst man nicht, dem Zuschauer vor den Augen zu halten, was das eigentliche Hauptmerkmal ist: der Schrecken des Krieges und die damit vorhandenen Ängste und Gefahren für sämtliche Figuren.

Ein schmalziger Film über einen schmalzigen Film. Das muss man einfach lieben!

Ein großer Pluspunkt ist das hervorragende Ensemble aus alten Leinwandhasen, frischem Wind und ambitionierten Darstellern. Gemma Alterton („Hänsel und Gretel: Hexenjäger“) spielt Catlin, eine eher bescheidene aber durchaus emanzipierte Frau, die sich jedoch erst einmal einen gewissen Respekt erarbeiten muss, um sich in dieser von Männern dominierten Zeit durchzusetzen. Sie schafft es gekonnt, auf dem sehr schmalen Grat zwischen traurigen und leicht erheiternden Momenten zu wandern und gibt eine wirklich hervorragende Leistung ab. Ihr Geplänkel mit Schauspielkollege Sam Claflin („Ein ganzes halbes Jahr“) weiß durch eine gewisse Simplizität wirklich zu unterhalten, was sich auch positiv auf die Chemie der beiden auswirkt. Claflin wiederum gibt den wortgewandten, zynischen Schreiberling, der versucht, seine Gefühle durch eine gewisse Coolness zu verbergen. Das stellt sich allerdings zunehmend schwerer dar als gedacht, als langsam Gefühle für Catlin in ihm aufkeimen. Den größten Coup aber hat Scherfig mit niemand Geringerem als Bill NIghy („Tatsächlich Liebe“) gelandet: Als kauziger, divenhafter Charmebolzen stiehlt er den Anderen gekonnt die Show und erweist sich mit seinem entwaffnenden Sinn für Ironie als die perfekte Besetzung! Ohne ihn wäre der Film wohl nur halb so gut geworden. Und wenn Jeremy Irons („Lolita“) und Helen McCrory („Peaky Blinders“) in mal kleineren, mal größeren Nebenrollen auftauchen, macht das Ganze ohnehin noch mehr Spaß, da man sich angesichts solch hervorragender Darsteller ein Lachen nicht  verkneifen kann.

Fazit: Lone Scherfigs kitschig-süße Tragikomödie ist trotz des bitteren Hintergrunds ein schwungvolles und witziges Filmvergnügen, bei dem garantiert kein Auge trocken bleibt.  

Fakten und Bewertung

Originaltitel: Ihre beste Stunde – Drehbuch einer Heldin
Land: GB
Laufzeit: 117 Minuten
Regie: Lone Scherfig
Drehbuch: Gabie Chiappe (Drehbuch) Lissa Evans (Romanvorlage)
Cast: Gemma Arterton, Bill Nighy, Sam Claflin, Jack Huston, Helen McCrory, Jeremy Irons, Richard E. Grant u.a.
Rotten Tomatoes 88%
FSK: ab 12 Jahren
Kinostart: 06. Juli 2017

 

Bildrechte@ „Ihre beste Stunde“ © Concorde Filmverleih GmbH

Jörg

Jörg

Autor bei Film und Feder
Hier soll etwas über mich drin stehen. Wo fange ich an? Hi ich bin...ach wisst ihr was? Ich mache es euch ganz einfach.

Filme sind meine Religion, das Kino meine Kirche, Quentin Tarantino mein Messias und die Hollywood Studios mein Mekka. Ohne all dieses bin ich ein Nichts. Ich bin verloren in der Magie des Films. Alles ist real, außer ich lasse es nicht zu.

Wie schon einst Stanley Kubrick sagte:
“A film is – or should be – more like music than like fiction. It should be a progression of moods and feelings. The theme, what’s behind the emotion, the meaning, all that comes later.”
Jörg

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