Review: „Baby Driver“ (2017)

Alles was du brauchst, ist ein Killer Track. Kultregisseur Edgar Wright schuf mit „Baby Driver“ den wohl originellsten und stylischsten Film des Jahres!

 

BABY DRIVER erzählt die Geschichte des Fluchtwagenfahrers „Baby“ (Ansel Elgort), der sich aufgrund angehäufter Schulden beim Gangster Doc (Kevin Spacey) in einer ausweglosen, kriminellen Welt wiederfindet. Aufgrund seines jugendlichen Aussehen, leicht autistischen Zügen und dem Drang, immer und überall Musik zu hören (was daran liegt, dass er aufgrund eines Unfalls an Tinnitus leidet und diesen damit unterdrückt), wird Baby von den Gangstern (unter anderem Jamie Foxx und Jon Hamm), für die er den Fluchtwagen fährt, nicht ganz ernst genommen. Doch als Baby aufs Gaspedal drückt, sind auch bei ihnen alle Bedenken verflogen sowie die Kinnladen ganz weit unten. Als Baby schließlich nach einem letzten, erfolgreichen Überfall seine Schulden bei Doc abbezahlt hat, glaubt er, endlich frei zu sein und ein neues Leben mit Debora (Lily James) beginnen zu können – einer süßen Kellnerin, in die er sich verliebt hat. Doch so leicht lässt Doc seinen besten Fahrer nicht einfach gehen…

Der Name Edgar Wright bedarf wirklich keiner weiteren Erklärung! Mit seiner allseits beliebten „Cornetto-Trilogie“ („Shaun of the Dead“, „Hot Fuzz“ & „The World’s End“), sowie der Comic-Adaption „Scott Pilgrim vs. The World“ hat sich der britische Regisseur auch außerhalb seiner Heimat einen Namen gemacht, was schließlich auch Marvel auf den Plan rief. So sollte Wright das Zepter zur Live-Action-Adaption von „Ant-Man“ übernehmen, was aber nach langer, zeitraubender Vorarbeit dann doch im Sande verlief. Marvel und Wright trennten sich aufgrund von Differenzen bezüglich der Umsetzung. So entschied der Brite, die freie Zeit zu nutzen, um einen lang geplanten Traum zu verwirklichen – einen Traum, von dem er bereits seit mindestens zehn Jahren redet, um genau zu sein.

Mit BABY DRIVER liefert Edgar Wright nach komödiantischen Ausflügen ins Horror-, Action-, Sci-Fi sowie Comicgenre nun eine Persiflage auf den klassischen Heist-Crime-Thriller ab. Dabei setzt er gekonnt ganz nebenbei einfach mal völlig neue Maßstäbe, entstaubt dadurch die etwas festgefahrenen Klischees mittels neuer, frischer Aspekte und schafft es spielerisch, dem ganzen einen eigenständigen, unverwechselbaren Touch zu verleihen. Stilistisch wie auch storytechnisch orientiert sich Wright dabei im weitesten Sinne an Genreklassikern wie Walter Hills „Driver“, John Hustons „Asphalt-Dschungel“ oder aber auch Winding Refns „Drive“ – paart dies jedoch, wie auch schon in seinen Werken zuvor, natürlich mit einer gehörigen Portion Selbstironie und witzigen bis absurden Einfällen. Dass diese aber niemals aus dem Rahmen fallen, liegt vor allem an Wrights Gespür für das perfekte Timing zwischen Komik und Action sowie der Wahl der richtigen Schauspieler.

Ansel Elgort als titelgebenen Hauptcharakter zu besetzten, erwies sich dabei im Nachhinein als ein wahrer Glücksgriff. Elgort, der auch schon in „Das Leben ist ein mieser Verräter“ bewies, dass er eine durch und durch überzeugende Leistung abliefern kann, schafft es, der Rolle des „Baby“ einen gewissen Charme abzugewinnen und ihn damit für das Publikum zu öffnen, auch, wenn Vergleiche mit Ryan Goslings „Driver“ in Nicolas Winding Refns „Drive“ gar nicht so abwegig erscheinen. So sind beide auf ihre Weise sehr analytisch und wortkarg, auch wenn „Baby“ dann doch eher die liebevollere Figur ist.
Was nicht bedeuten soll, dass die anderen Figuren in diesem Ensemble aus hochkarätigen Darstellern weniger gut sind: Eiza González und Jon Hamm („Darling“ & „Buddy“) geben eine Art verkorkste „Bonnie & Clyde“-Variante ab. Stets im Duett und nie allein, aber immer auf der Suche nach dem nächsten Kick.
Kevin Spacey ist, nun ja, Kevin Spacey. Er gibt eine Art Frank Underwood des organisierten Verbrechens (Wer „House of Cards“ gesehen hat, weiß was gemeint ist.), was wirklich bemerkenswert ist, da er einfach so sein kann, wie er immer ist: verdammt lässig cool.
Lily James spielt Babys „Love Interest“. Die aus „Cinderella“ oder „Downton Abbey“ bekannte Darstellerin macht zwar einen durchaus soliden Eindruck und wirkt auch weitestgehend sympathisch, doch spielt sie die blasseste Figur, was vorrangig am eher schwächeren Mittelteil des Drehbuchs liegt. Ihre Beziehung zu Baby kommt etwas zu schnell daher und einige ihrer Entscheidung scheinen, anhand der Zeitspanne, wie lange sie Baby kennt, dann doch etwas fragwürdig. Doch das ist eher ein kleiner Kritikpunkt im großen Ganzen.
Wer aber allen die Show stiehlt, ist ganz klar Jamie Foxx! Jede Sekunde Screen Time, die dieser Mann hat, ist das Kinoticket wert. Man merkt sofort, wieviel Spaß er hatte, den großmäuligen, brandgefährlichen Gangster Bats zu spielen und mit welcher Hingabe er die Rolle ausfüllt. Seine Performance ist schlichtweg erstklassig!

Was aber neben dem großartigen Cast, der perfekten Balance zwischen Humor, bittersüßem Kitsch und spannungsgeladenem Thrill vor allem im Vordergrund steht (und diesen Film schließlich zu etwas Einzigartigem macht), ist die perfekte Symbiose aus dem mit Abstand besten Soundtrack seit Jahren (da kann sogar der Soundtrack von „Guardians of The Galaxy“ einpacken) und der unglaublichen Inszenierung. Dass Edgar Wright schon immer den richtigen Riecher für die passende Musik hatte, ist ohnehin kein Geheimnis. Wer erinnert sich nicht an Queens „Dont Stop Me Now“ in SHAUN OF THE DEAD oder den unverwechselbaren „Alabama Song“ von The Doors in THE WORLD’S END? Womit Wright aber hier aufwartet, widerspricht jeglicher Beschreibung. Denn wo der Soundtrack in anderen Filmen als begleitende Untermalung einzelner Szenen in Erscheinung tritt, um diese dramaturgisch zu untermauern, sind die Songs in BABY DRIVER ein fester Bestandteil der eigentlichen Geschichte. Jede Einstellung, jede Bewegung, vom Klopfen auf den Tisch, über das Drücken eines Fahrstuhlknopfes, das Abfeuern einer Waffe, bis hin zum Blinzeln mit den Augen, ist präzise mit dem Beat der gerade laufenden Songs synchronisiert. Und die ist quasi permanent auf Dauerbeschallung zu hören – entweder in Babys Kopfhörern, im Autoradio, im Fahrstuhl, oder, oder, oder… eigentlich fast überall. Das hat zwar anfangs den Anschein eines Musicals, doch dieser Gedanke verflüchtigt sich schon nach wenigen Augenblicken. Und wenn Edgar Wright beispielsweise eine komplette Verfolgungsjagd zum Song „Bellbottoms“ von The Jon Spencer Blues Experience synchronisiert, ist das nicht nur umwerfend cool, sondern zeigt auch, wie akribisch Cast und Crew gearbeitet haben, um das zu stemmen. Viele werden den Punkt zwar mit dem Aspekt „Style Over Substance“ abtun, doch muss man sich eingestehen, dass der Film wahrscheinlich nicht so gut funktionieren würde, liefe die Musik standesgemäß nur im Hintergrund des Geschehens.

Fazit: Edgar Wrights mittlerweile fünfter Spielfilm ist der wohl mit Abstand originellste Film des bisherigen Filmjahres und wird mit Sicherheit auch nach dem gefühlt hundertsten Mal nicht langweilig.

Fun Fact: 2003 drehte Edgar Wright das Musikvideo zu „Blue Song“ von Mint Royale. In diesem verarbeitete der Regisseur erste Storyentwürfe zu BABY DRIVER.  

Fakten und Bewertung

Originaltitel: Baby Driver
Land: US/GB
Laufzeit: 115 Minuten
Regie: Edgar Wright
Drehbuch: Edgar Wright
Cast: Ansel Elgort, Kevin Spacey, Lily James, Jamie Foxx, Jon Hamm, Eiza González, Jon Bernthal u.a.
Rotten Tomatoes 97 %
FSK: ab 16 Jahren
Kinostart: 27. Juli 2017

Bildrechte@“Baby Driver“© Sony Pictures Releasing GmbH

 

Jörg

Jörg

Autor bei Film und Feder
Hier soll etwas über mich drin stehen. Wo fange ich an? Hi ich bin...ach wisst ihr was? Ich mache es euch ganz einfach.

Filme sind meine Religion, das Kino meine Kirche, Quentin Tarantino mein Messias und die Hollywood Studios mein Mekka. Ohne all dieses bin ich ein Nichts. Ich bin verloren in der Magie des Films. Alles ist real, außer ich lasse es nicht zu.

Wie schon einst Stanley Kubrick sagte:
“A film is – or should be – more like music than like fiction. It should be a progression of moods and feelings. The theme, what’s behind the emotion, the meaning, all that comes later.”
Jörg

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