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Filmmusik Top 10: Klassische Musik im Film

Im ersten Teil unserer neuen Reihe zum Thema Filmmusik stellen wir Euch die Top 10 der besten Filmszenen vor, in der klassische Musik zu hören ist!


Die Untermalung einer Filmszene mit klassischer Musik signalisiert dem Zuschauer in den allermeisten Fällen: „Achtung – hier passiert etwas Wichtiges, etwas Schwerwiegendes oder besonders Dramatisches!“ Einige Melodien sind im Laufe der Zeit in den Köpfen der Menschen fest mit den Szenen, in denen sie verwendet wurden, verwachsen. So denken viele Filmfans bei Wagners „Ritt der Walküren“ sofort an die berühmte Helikopterszene aus Apocalypse Now.

Filme, in denen die Musik eine zentrale Rolle spielt (wie z.B. Amadeus, Der Pianist oder Disney’s Fantasia), sind für die Liste nicht berücksichtigt worden. Um nicht die bereits im Internet kursierenden zahlreichen Top-Listen zu kopieren, habe ich außerdem auf die ganz offensichtlichen Einträge verzichtet – zum Beispiel Strauss‘ „Also sprach Zarathustra“ aus 2001 – A Space Odyssey. Natürlich lassen sich nie sämtliche Klischees vermeiden, aber ich hoffe, dass hier einige Szenen auftauchen, die Ihr nicht bereits von anderen Listen kennt und die Euch Lust machen, den Film erneut oder vielleicht sogar zum ersten Mal zu genießen.

Da hier Filmausschnitte gezeigt werden, die durchaus wichtige Passagen eines Films darstellen können, gilt ab hier ein dicker, fetter SPOILER-ALARM!


10) Philadelphia – La Mamma Morta; Andrea Chénier (Umberto Giordano)

Als ich Philadelphia zum ersten Mal sah, im Fernsehen, gemeinsam mit meinen Eltern, war mir das Thema AIDS noch ein sehr abstrakter Begriff. Dass Tom Hanks‘ Charakter Andrew Beckett unglaubliches Unrecht angetan wurde, habe ich verstanden. Den tragischen Verlauf seiner Krankheit und dass ihm buchstäblich die Zeit davonläuft, habe ich zwar mitbekommen, konnte es aber emotional noch nicht richtig mitfühlen. Als Beckett allerdings bei einem Besuch von seinem Anwalt Joe Miller (Denzel Washington) diesem seine Lieblingsarie, interpretiert von der unvergleichlichen Maria Callas, vorspielt und ihm dabei voller Gefühl die gesungenen Worte übersetzt, konnte ich meine Tränen nicht zurückhalten. Heimlich natürlich – in dem Alter war mir das vor meinen Eltern noch ziemlich peinlich…

9) The Shining – Musik for Strings, Percussion and Celesta (Béla Bartók)

Stanley Kubricks Gänsehaut-Garant brilliert durch seine schaurige und bedrohliche Stimmung. Düster, Unheil verkündend und schlichtweg gruselig – so lässt sich der Ausschnitt aus Bartóks Stück in dieser Szene am besten beschreiben. Wir verfolgen Danny Torrance auf seiner Dreirad-Fahrt durch die labyrinthartigen Gänge des Overlook-Hotels. Während die Flure zwar allesamt hell ausgeleuchtet sind, sorgt die ungewöhnliche Kameraperspektive – auf Höhe des Jungen und hinter ihm her – und natürlich die bedrohliche Musik dafür, dass man als Zuschauer ein unwohles Gefühl bekommt. Was lauert hinter der nächsten Ecke? Oder hinter der Tür zum verbotenen Zimmer 237, vor dem Danny eindrücklich gewarnt wurde?

 

8) Die Verurteilten – Briefduett; Die Hochzeit des Figaro (Wolfgang Amadeus Mozart)

In der Verfilmung von Stephen Kings Kurzgeschichte wird Andy Dufresne (Tim Robbins) trotz Beteuerung seiner Unschuld für den Mord an seiner Frau und ihrem Liebhaber zu lebenslanger Haft im berüchtigten Shawshank-Gefängnis verurteilt. Die Umstände dort sind harsch; der Gefängnisdirektor, die Wachmänner und auch Mitgefangene machen Andy das Leben hinter Gittern zur Hölle. Durch seine Arbeit in der Gefängnisbücherei gelangt Andy an die Aufnahme von Mozarts „Die Hochzeit des Figaro“, schließt sich im Büro des Direktors ein und spielt die Platte für alle Insassen hörbar über das Lautsprechersystem des Gefängnisses. Für die Dauer des Duetts der zwei lieblichen Sängerinnen verstummen die harten Männer im Hof und lauschen andächtig den ungewohnten Klängen – und auch Andy entflieht für einen Moment der Realität, die bereits vor der Bürotür auf ihn wartet…

7) Der Blutige Pfad Gottes – Si. Mi chiamano Mimi; La Bohème (Giacomo Puccini)

Troy Duffys Kultfilm aus dem Jahr 1999 steckt voller herrlich überzogener Charaktere – doch keiner ist so fabelhaft wie FBI-Agent Paul Smecker (Willem Dafoe), der die Bostoner Polizei bei den Ermittlungen im Fall der zwei toten russischen Gangster unterstützen soll! Neben den abgehärteten Cops im dreckigen Hinterhof wirkt Smecker mit seiner flamboyanten Art fast wie ein Paradiesvogel – nur, um von Anfang an unmissverständlich klarzustellen, wer am Tatort die Hosen anhat. Um die unqualifizierten Kommentare der anderen Polizisten auszublenden und sich voll auf die forensische Beweisaufnahme zu konzentrieren, greift Smecker zu seinem Discman (!) und führt, umgeben von der sanften Arie aus Puccinis „La Bohème“ und unter den ratlosen Blicken der Kollegen, seine Untersuchungen durch. Großartig!

6) Das Schweigen der Lämmer – Goldberg-Variationen (Johann Sebastian Bach)

Jonathan Demmes Meisterwerk gilt zurecht als einer der besten Thriller der Filmgeschichte – mit einem der charismatischsten Serienkiller, die je auf der Leinwand zu sehen waren!
Dr. Hannibal Lecter (Anthony Hopkins), genialer Psychiater mit einem Faible für menschliches Fleisch, lässt sich selbst in Gefangenschaft einen Mindestgrad an Kultiviertheit nicht nehmen. Wenngleich in einem Käfig eingesperrt, legt er höchsten Wert auf gepflegte Umgangsformen, gutes Essen und eine angemessene musikalische Untermalung. Bachs Goldberg-Variationen plätschern gefällig dahin, während zwei Polizisten dem Mörder das Abendessen servieren. Doch auch die hohen Sicherheitsvorkehrungen können nicht verhindern, dass Lecter sich aus den Fesseln befreit und – begleitet von Howard Shores brutalem Score – die beiden Gesetzeshüter wie im Blutrausch regelrecht niedermetzelt. Ist die Tat vollbracht, wechseln wir musikalisch zurück in die trügerische Idylle Bachs. „Ready when you are, Seargent Pembry.“

5) Melancholia – Prelude; Tristan und Isolde (Richard Wagner)

Lars von Triers Filme als schnöde Dramen zu bezeichnen, wird ihrer psychologischen Tiefe und Schonungslosigkeit in keinster Weise gerecht – mit Melancholia schaffte er nichts Geringeres, als Depressionen auf Zelluloid zu bannen.
Im Laufe der gut zweistündigen Geschichte tauchen immer wieder Passagen aus Wagners tragischer Oper auf; jedoch habe ich hier den Vorspann des Films ausgewählt, der in quälender Langsamkeit und gleichzeitigen Unaufhaltsamkeit die Grundstimmung für den gesamten Film festlegt. Der auf die Erde zurasende Planet „Melancholia“ als Allegorie für Justines (Kirsten Dunst) Depression mischt sich zwischen surreale, wunderschön fotografierte Szenen und zieht die Zuschauer von Anfang an in seinen Bann. Der ultimative Feel-Bad-Movie – den ich wieder und wieder schauen kann!

4) Equilibrium – 9. Sinfonie in d-Moll op. 125 (Ludwig van Beethoven)

In Kurt Wimmers dystopischer Zukunftsvision werden die Menschen mittels einer staatlich verordneten Droge sämtlicher Emotionen beraubt, um sie gefügsam zu machen. Wer das Mittel verbotenerweise absetzt oder sogar heimlich Erinnerungsstücke an die vorherige Zivilisation hortet – zum Beispiel Gemälde, Musik oder Bücher – wird wegen „Sinnestaten“ exekutiert. Equilibrium nimmt dabei deutliche Anleihen an literarischen Klassikern wie Fahrenheit 451 und auch Brave New World und ist ein packend inszenierter Science-Fiction-Film mit hervorragend choreographierten Kampfszenen.
Als ein hohes Mitglied der Elite-Einheit der „Grammaton-Kleriker“, John Preston (Christian Bale), versehentlich eine Dosis der Droge verpasst, bahnen sich langsam, aber sicher die Gefühle ihren Weg. Bei einer Razzia in einem Versteck der „Sinnestäter“ entdeckt Preston eine Aufnahme von Beethovens 9. Sinfonie. Zum allerersten Mal in seinem Leben hört er Musik und wird von seinen Emotionen überwältigt.

3) Sieben – Air auf der G-Saite; Orchestersuite D-Dur BWV 1068 (Johann Sebastian Bach)

Düster, sowohl in Bezug auf die Optik als auch auf die Charaktere – das beschreibt die meisten Filme David Finchers sehr treffend; allen voran Sieben. Der abgründige „Neo Noir“-Thriller konfrontiert den müde gewordenen Detective Somerset (Morgan Freeman) nicht nur mit einem neuen, jungen Partner, Detective Mills (Brad Pitt), sondern auch mit einem Serienkiller, der mit sadistischen Morden die sieben biblischen Todsünden in grauenhaften Tableaus inszeniert. Ironischerweise haucht ausgerechnet dieser letzte Fall dem resignierten Somerset wieder neues Leben ein, während der anfangs noch enthusiastische Mills immer schneller dem emotionalen Abgrund entgegenschlittert.
Die Passage, in der Somerset nachts in einer gewaltigen Bibliothek die klassische Literatur nach Anhaltspunkten durchstöbert, während Mills zuhause, sorgenvoll beobachtet von seiner Frau (Gwyneth Paltrow), die schrecklichen Tatortfotos studiert, ist meine Lieblingsszene im Film. Der krasse Kontrast zwischen den friedlichen und harmonischen Klängen der Streicher und den grausamen Bildern und Textpassagen, mit denen sich die beiden Detectives auseinandersetzen müssen, hatte schon beim ersten Anschauen eine ganz besondere Wirkung auf mich…

2) The Fall – 7. Sinfonie in A-Dur op. 92 (Ludwig van Beethoven)

Keine Frage: The Fall ist einer der schönsten Filme, die ich kenne! Fast jede Einstellung kann man sich als Bild an die Wand hängen, und die realen Drehorte in insgesamt 28 verschiedenen Ländern ziehen den Zuschauer von Anfang an in ihren Bann. Aus diesem Grund ist auch der zweithöchste Eintrag auf dieser Liste wieder ein Vorspann.
Untermalt mit dem Beginn des zweiten Satzes aus Beethovens 7. Sinfonie wird die Vorgeschichte der Filmhandlung erzählt. Erst auf den zweiten Blick versteht man, welcher Szene man gerade Zeuge wird. Die Geschichte um den verletzten Stuntman Roy (Lee Pace), der im Krankenhaus mit seinen Erzählungen fabelhafte Märchenwelten für ein kleines Mädchen erschafft, nimmt hier ihren Anfang und lässt einen bis zum Ende nicht wieder los.

1) V wie Vendetta – Ouverture solennelle „1812“ op. 49 (Pjotr Iljitsch Tschaikowski)

Ah, V wie Vedetta – der Film, der der Welt die Maske beschert hat, die später das Symbol der „Anonymous“-Bewegung werden sollte und seitdem exemplarisch für den Protest der Massen gegen Autoritäten und Regierungen steht. Es ist fast unmöglich, ihn zu schauen, ohne vom Kampfgeist der Revolutionäre gepackt zu werden und den Drang zu verspüren, das System verändern zu wollen.

Gleich zweimal taucht Tschaikowskis Ouvertüre im Film auf und die Wirkung ist dabei komplett unterschiedlich: Als sie das erste Mal erklingt, sieht die junge Evey (Natalie Portman) schockiert mit an, wie der offensichtlich wahnsinnige Terrorist V (Hugo Weaving), der sie gerade noch vor übergriffigen Polizisten gerettet hat, einen Sprengstoffanschlag auf das berühmte „Old Bailey“-Gerichtsgebäude verübt.
Beim zweiten Mal, am Ende des Films, ist es Evey, die den Schalter umlegt und die Sprengung des Parlamentsgebäudes verursacht. Gerade einmal ein Jahr ist seit der damaligen Nacht vergangen – doch Evey ist ein völlig anderer Mensch und auch die Musik wirkt komplett anders als in der Szene am Anfang des Films.
Wer bei diesem fulminanten Finale keine Gänsehaut bekommt, während im Widerschein der Explosionen die Gesichter der Opfer des Schreckenregimes erleuchten, der muss ein Herz aus Stein haben.

Der Beginn – V rettet Evey und sprengt das „Old Bailey“:

Das glanzvolle Finale:


Freut Euch schon auf den nächsten Teil unserer Filmmusik-Reihe – in Teil zwei geht es um Rock- und Popmusik!

Titelbild: Pixabay

Friederike

Friederike

Admin und Autor bei Film und Feder
Warum ich über Filme schreibe? Weil Freude wächst, wenn man sie teilt!
Als jemand, der Filme häufig alleine schaut, fehlte mir oft der Austausch nach dem Abspann - die Diskussion kontroverser oder unklarer Aspekte, die Hoffnung, dass mein Gegenüber meine Lieblingsszene genau so mochte wie ich und manchmal auch nur das schamlose Schwärmen über den Hauptdarsteller. Das Veröffentlichen meiner Gedanken zum Film ermöglicht mir diesen Austausch mit einer großen Anzahl an Menschen, die das Medium ebenso lieben, wie ich.
Friederike

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