Review: „The Editor“ (2014)

Die kanadische Filmschmiede „Astron-6“ liefert mit THE EDITOR eine liebevolle Hommage an den italienischen Giallo und trifft dabei voll ins Schwarze. 

Der Giallo, ein spezifisches Subgenre des italienischen Thriller, welches in den 60ern seine Begründung und in den späteren 70ern seinen Höhepunkt fand, erfreut sich bis heute unter Filmliebhabern großer Beliebtheit. Einflussreiche Regisseure wie Mario Bava, Dario Argento, Sergio Martino oder aber auch Lucio Fulci prägten den Giallo mit ihrem völlig eigenen Stil.

Es gehörte aber auch irgendwie zum guten Ton der damaligen Zeit, dass fast jeder Italiener, der minimal erfolgreich war, mindestens einen Giallo vorwies. Leider ebbte die vorhandene Euphorie wieder sehr schnell ab und einige bescheidene Versuche, wie beispielsweise Argento’s 2009 erschienenes Werk GIALLO (zumindest mit Adrian Brody prominent besetzt), blieben immer mehr hinter den Erwartungen zurück, weshalb dieses Genre quasi zum Untergang verdammt ist. 2014 nahm sich schließlich die kanadische Filmschmiede „Astron-6“ dem Ganzen an und lieferte mit THE EDITOR eine parodische Liebeserklärung an dieses, in Vergessenheit geratene, Filmgenre ab.

THE EDITOR erzählt die Geschichte des ehemals erfolgreichen Film-Cutters Rey Ciso, der bei einem Unfall im Schneideraum vier Finger verlor und nun ein trostloses Dasein mit dem Schneiden billiger Trash-Filme fristet. Das ändert sich aber als bei den Dreharbeiten eines Horrorfilms mehrere Darsteller Opfer eines vermeintlichen Killers werden. Da den brutal Hingerichteten ebenfalls vier Finger abgetrennt wurden, eben jene welche, welche auch Rey missen lässt, wird dieser schnell zum Hauptverdächtigen und rückt in das Zentrum der laufenden Mordermittlungen. Während Rey nun versucht auf eigene Faust seine Unschuld zu beweisen, beginnt er langsam aber sicher an seinem Verstand zu zweifeln. Könnte er vielleicht doch der Mörder sein, ohne sich an die Morde zu erinnern?

Eine humorvolle Hommage an ein vergessenes Zeitalter des italienischen Films 

„Astron-6“, die mit Werken wie FATHERS DAY oder MANBORG bekannt geworden sind, bleiben zwar mit THE EDITOR ihrem ganz eigenen, politisch unkorrekten Stil treu, vergessen dabei aber nicht, was die Fans des Genre so sehr lieben und lassen den Geist des Giallos in allen Belangen hochleben. Inhaltlich orientiert man sich dabei an Klassiker wie DAS GEHEIMNIS DER SCHWARZEN HANDSCHUHE  von Dario Argento oder Andrea Bianchi’s DIE NACHT DER BLANKEN MESSER aus dem Jahre 1975.

Dabei lebt THE EDITOR von der klassischen Giallo-Storyline rund um einen maskierten Killer, der auf besonders brutale Weise seine Opfer dementiert und dessen eigentliche Identität erst im großen Finale enthüllt wird, was vor allem noch durch eine hervorragende Optik und dem klassischen Giallo-Score noch verstärkt wird. Auf gekonnte Weise emuliert der Film den stilechten Retro-Look bekannter Sleaze-Streifen mittels satter Farben, der Marke Bava oder Argento und suhlt sich regelrecht im Neonlicht. Gepaart mit schwitzig-ausufernden Kamerafahrten und vielen Close-Ups, vermittelt THE EDITOR ein wohlwolliges Gefühl der Vertrautheit. Untermalt wird das Ganze durch eine hervorragende Synthesizer-lastigen Klangwelt, die ohne zu übertreiben an Bands wie Goblin und Co. erinnern.

„Most of these old films were written in Italian but performed in English (even when the actors couldn’t speak the language,) set in America but shot in Italy, all to appeal to a larger world market. This resulted in some often-unusual syntax and almost always- unusual cadences and deliveries on the part of the English speaking performers required to sync their deliveries to the original footage. It is perhaps as important to the giallo aesthetic as dream logic, hyper-violence or an overactive zoom lens. And it is this aesthetic that charmed us so much to begin with. With giallo films, the style is the substance.“

-Regisseur & Hauptdarsteller Adam Brooks-

Allen liebevoll in Szene gesetzten Elementen zum Trotz, ist THE EDITOR immer noch eine Parodie. Hommage an eine goldene Zeit hin oder her. Und wer mit dem Humor von „Astron-6“ vertraut ist, weiß, dass man hier in jede noch so kleine Kerbe schlägt, in die es zu schlagen geht. Überzogene Charakterzeichnung, bizarre Momente oder weibliche Full-Frontal-Nudity sind neben gewollt schlechten Darstellen, hölzernen Dialogen sowie dem klassisch überzeichneten Dubbing nur die Spitze des Eisberges, welcher eine Fülle von Persiflagen auf vergangene Tage bereit hält. Kenner des Genres werden bestimmt ihre helle Freude haben, wenn wiedererkennbare Punkte bekannter Giallo-Streifen derart ins Lächerliche gezogen werden, dass man nicht anders kann, als sich vor Lachen den Bauch zu halten. Neulingen jedoch kann man aber durchaus nicht verübeln, wenn einige Gags nicht ganz den Nerv treffen, den sie treffen sollten. Diese kommen aber aufgrund der großen Menge an Sex und Gewalt trotzdem voll auf ihre Kosten.

Fazit: THE EDITOR ist unterm Strich eine liebevolle inszenierte Hommage an den italienischen Giallo, welche mittels bekannter Versatzstücke des Genres und dessen parodische Überzeichnung nicht nur bei Fans für den einen oder anderen Lacher sorgen wird.

Fakten und Bewertung

Originaltitel: The Editor
Land: Kanada
Laufzeit: 95 Minuten
Regie: Adam Brooks & Matthew Kennedy
Drehbuch: Adam Brooks, Matthew Kennedy, Conor Sweeney
Cast: Adam Brooks, Paz de la Huerta, Matthew Kennedy, Laurence R.Harvey, Udo Kier u.a.
IMDb: 6,1 / 10 
FSK: ab 16 Jahren
DvD-Release:  23. Juni .2017

 

Trailer:

Bildrechte@ „The Editor“ © Alive AG

 

Jörg

Jörg

Autor bei Film und Feder
Hier soll etwas über mich drin stehen. Wo fange ich an? Hi ich bin...ach wisst ihr was? Ich mache es euch ganz einfach.

Filme sind meine Religion, das Kino meine Kirche, Quentin Tarantino mein Messias und die Hollywood Studios mein Mekka. Ohne all dieses bin ich ein Nichts. Ich bin verloren in der Magie des Films. Alles ist real, außer ich lasse es nicht zu.

Wie schon einst Stanley Kubrick sagte:
“A film is – or should be – more like music than like fiction. It should be a progression of moods and feelings. The theme, what’s behind the emotion, the meaning, all that comes later.”
Jörg

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