Serien-Review: „Tote Mädchen lügen nicht“ (2017)

Nach Hits wie „House Of Cards“, „Stranger Things“ oder „Daredevil“, schlägt NETFLIX mit „13 Reasons Why“ („Tote Mädchen lügen nicht“) sehr viel ernstere Töne an und zeigt auf, was bis heute immer noch ein großes Tabuthema zu sein scheint. Selbstmord unter Jugendlichen. 

Plot:

Die 17-jährige Hannah Baker hat sich selbst das Leben genommen. Vor ihrer schrecklichen Tat jedoch hat sie 7 Kassetten aufgenommen, mit 13 Gründen die zu dieser Entscheidung führten. Eben genau diese Kassetten landen bei ihrem ehemaligen Klassenkameraden und Freund Clay. Während Clay sich die Aufnahmen anhört, offenbart sich ihm eine schreckliche Erkenntnis.

Kritik:

„13 Reasons Why“. Eine Serie die ich, ehrlich gestanden, gar nicht auf dem Schirm hatte. Einer der Gründe liegt wahrscheinlich an dem deutschen Titel: „Tote Mädchen lügen nicht“. Ich konnte mir nichts darunter vorstellen. Trailer und sonstiges habe ich vermieden. Was sich im in dem Fall als Segen herausstellen sollte. Nachdem ich schlussendlich doch entschlossen habe einen Blick zu riskieren, war ich gefangen.
Die Serie schafft es den Zuschauer mit einfachen Mitteln in den Bann zu ziehen. Beginnt sie noch wie die stereotypische Geschichte über pubertierende Highschoolschülern, so zieht das Geschehene immer weitere Kreise und verändert mit jeder fortlaufenden Folge den Spannungsbogen. So entwickelt sich „13 Reasons Why“ vom klischeehaften Kitsch zur einem nervenaufreibenden Crimedrama (wohlgemerkt mehr im übertragenen, als im wörtlichen Sinne), welches anhand des Beispiels Hanna Baker aufzeigt, welche Konsequenzen kontinuierlichen mobben, sowie das seelische und körperliche Brechen für die Betroffenen bedeutet. Und während man dem innerlichen Leiden des Opfers qualvoll zuschaut, stellt sich einem selber die Frage:

„Was wäre wenn?“

Was wäre wenn alles anders gekommen wäre? Was hätte man tun können um dieses zu verhindern? Und das man den Ausgang der Geschichte schon am Anfang erfährt, ändert trotz alledem nichts daran, sich eben genau diese Fragen zu stellen.
So qualvoll und traumatisch „13 Reasons Why“ auch mit dem gehobenen Finger auf die sich immer weiter zuspitzende Ausgangssituation (dem Selbstmord der Hauptprogatonistin) mit jeder Folge dahin gleitet und dem Zuschauer einen erschreckend realistischen Einblick in unsere heutige Gesellschaft bietet, so darf (oder besser sollte) man der Serie auch zu Gute halten, dass sie sich nicht nur mit einer Sicht auf die Dinge begnügt. Denn während man die Geschichte um Hannah’s Entschluss aus dem Leben zu treten in Rückblenden zu erzählen bekommt, nimmt sich „13 Reasons Why“ ebenso viel Zeit zu erläutern, welche Auswirkungen ihr Selbstmord auf die Personen in ihrer Umgebung haben. Da wären beispielsweise Hannah’s Eltern, völlig orientierungslos und am Ende ihrer psychischen und physischen Kräfte, oder Clay, der sich im Laufe der Geschichte immer weiter selbst zu verlieren scheint. Ihr Leiden um den Tod eines geliebten Menschen, schmerzt alleine schon beim zuschauen und lässt eine erdrückende Schwere zurück. So setzt sich die Geschichte auch mit dem Thema Trauer und Wut auseinander. Wut auf diejenigen ,die verantwortlich für all den seelischen und körperlichen Schmerz dieses jungen Mädchen sind und sich dessen erst bewusst werden, als es schon zu spät ist und ihr Handeln ernsthafte Konsequenzen für alle Beteiligten nach sich zieht.

Einen weiteren Pluspunkt den man neben der hoch interessanten Story ankreiden muss, ist die Auswahl der Darsteller, bei der Netflix wieder einmal ein geschicktes Händchen bewiesen hat. So gut wie fast alle Schauspieler(innen) traten vorher noch nie in sonderlich vielen Produktionen als Hauptdarsteller auf, was dem ganzen eine erfrischende Note verleiht. Dadurch wirkt alles noch eine Spur authentischer und man grübelt nicht so lange nach, vorher man die eine oder andere Person kennt. Einzig vielleicht „Clay“-Darsteller Dylan Minette dürften viele aus dem hochgelobten Horrorthriller „Don’t Breathe“ wiedererkennen. Doch alles in allem macht der gesamte Cast einen hervorragenden Eindruck und kommt vollkommen glaubwürdig herüber. Wobei ich persönlich noch gerne die Leistung von Christian Navarro („Tony“) hervorheben möchte. Seine Interpretation von Clays bestem Freund hat der Story etwas leicht mystisches und sogar unheimliches verliehen. Das kann man aber leider ohne zu Spoiler nicht weiter ausführen. So gerne ich auch möchte

Ein letzter nennenswerter Beitrag wäre noch die außergewöhnliche Songauswahl des Soundtracks. Die Mischung aus melancholischen Popsongs, leicht elektronischen Beats und lyrisch einwandfreien Klassikern wie „Love will tear us apart“ von Joy Division passen sich hervorragend der jeweiligen Situation an und unterstützten diese im Ungemeinen. Wenn dann Selena Gomez Version von „Only You“ in der alles entscheidenden finalen Szene läuft, bleibt garantiert kein Auge trocken.

 Abschluss:

Das „13 Reasons Why“ derzeit die mit Abstand umstrittenste Serie aus dem Hause Netflix ist, lässt sich schon jetzt mit Gewissheit sagen. Denn die Serie schafft es genau den Wunden Punkt zu treffen, den sich offen gesagt keiner so richtig traut anzusprechen. Dabei ist gerade heutzutage wichtiger denn je darüber zu sprechen. Vor allem in Zeiten von Cybermobbing und der Anonymität im Internet. Und wenn Psychologen vor „13 Reasons Why“ warnen, da die Serie „Selbstmord romantisieren“ würde, kann man als rational denkender Mensch nur verächtlich mit dem Kopf schütteln.
So bleibt unterm Strich die Erkenntnis, das „13 Reasons Why“ nicht nur eine durchweg interessante Serie ist, sondern auch endlich jemand den Mut aufbringt ein so sensibles Thema für die breite Masse verständlich zu machen um so für Diskussionsstoff zu sorgen.

Fakten und Bewertung

Originaltitel: 13 Reasons Why
Land: US
Laufzeit: 13 Folgen je 50-60 min
Regie: Tom McCarthy, Jessica Wu, Carl Franklin, Gregg Araki, Kyle Patrick Alvarez
Drehbuch: Jay Asher (Buchvorlage)
Cast: Dylan Minette, Katherine Langford, Kate Walsh, Christian Navarro, Brandon Flynn u.a. 
IMDb: 8,8
FSK: ab 12 Jahren
Release: 31.März.2017 

Bildrechte: ©Netflix

Jörg

Jörg

Autor bei Film und Feder
Hier soll etwas über mich drin stehen. Wo fange ich an? Hi ich bin...ach wisst ihr was? Ich mache es euch ganz einfach.

Filme sind meine Religion, das Kino meine Kirche, Quentin Tarantino mein Messias und die Hollywood Studios mein Mekka. Ohne all dieses bin ich ein Nichts. Ich bin verloren in der Magie des Films. Alles ist real, außer ich lasse es nicht zu.

Wie schon einst Stanley Kubrick sagte:
“A film is – or should be – more like music than like fiction. It should be a progression of moods and feelings. The theme, what’s behind the emotion, the meaning, all that comes later.”
Jörg

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