Get Out

Review: „Get Out“ (2017)

oder: der alltägliche Horror des Rassismus

MADtv als Qualitätsmerkmal?

Mit Get Out liefert Jordan Peele sein Spielfilmdebüt ab. In die Welt von Film und Fernsehen stieg der New Yorker als Drehbuchautor von MADtv ein. Was schon einmal ein wirklich gutes Omen ist, da auch der Drehbuchautor von meinem geliebten Safe Neighborhood, Zack Kahn, zuerst für MADtv aktiv war. Bekannt wurde Peele vor allem durch die auf Comedy Central ausgestrahlte Sketch-Show Key & Peele, die sich auch stark mit afroamerikanischer Kultur beschäftigte.

In seinem Debütfilm, zudem er auch das Drehbuch beisteuerte, verarbeitet Peele vor allem auch persönliche Erlebnisse. In Get Out folgen wir dem schwarzen Chris und seiner weißen Freundin Rose zu deren Familie aufs Land. Roses Eltern wissen allerdings nicht, dass Chris schwarz ist, aber sie versichert ihm diese seien sehr weltoffen und aufgeschlossen. Dies scheint sich grundsätzlich auch zu bewahrheiten bis sich düstere Geheimnisse offenbaren.

Der Rassismus-Horror

Ich will gar nicht lange um den heißen Brei reden: Get Out ist schlichtweg phantastisch. Der bisher beste Horrorfilm des noch jungen Jahres und einer der besten der letzten Jahre. John Peele schafft es mit seinem Debüt ganz oben mitzuspielen.

Das liegt zum einen an der großartigen Prämisse, die für eine ordentliche Gänsehaut-Atmosphäre sorgt und zum anderen an der bravourös gemeisterten Gratwanderung zwischen satirischer Komödie und Horror-Thriller. Inszenatorisch geht dies auch Hand in Hand denn als Zuschauer wird man zu Beginn sehr im Unklaren darüber gelassen, wo die Reise hingeht – auch wenn Peele geschickt viele Hinweise versteckt, wodurch eine wiederholte Sichtung dringend anzuraten ist. Ich war mir nie sicher, ob die Bedrohung nun nur Ergebnis überspitzter Klischees ist oder doch vollkommen real. Durch dieses Spiel mit den Erwartungen gelingt es dem Team eine äußerst geladene Atmosphäre zu kreieren, welche man nicht wagt auch nur durch die kleinste Bewegung zu stören. Ähnlich wie Chris auf der Dinnerparty verhält man sich lieber zurückhaltend, wer weiß welche hässlichen Fratzen sich hinter den wohlwollenden, liberalen Gästen verbergen.

Get Out

Dies führt mich nun auch zum Hauptthema in Get Out: Rassismus. Von hier an sind leichte Spoiler nur schwer vermeidbar – daher weiterlesen nur auf eigene Gefahr.

Spoiler
Die Thematik ist im Genre nicht neu, nahm aber bisher meines Wissens nie ein solch dominante Rolle ein (Gegenbeweise nehme ich gerne entgegen). Es ist dabei sehr angenehm, dass Peele den schwarzen Protagonisten nicht Südstaaten-Rednecks oder Nazi-Skins gegenüberstellt, sondern augenscheinlich weltoffene Liberale. Schon Chris‘ Freundin Rose versichert ihm wie aufgeschlossen ihre Eltern seien. Roses Vater hätte am liebsten ein drittes Mal Obama gewählt und der Lieblingsgolfer eines Dinnergastes ist selbstverständlich Tiger Woods. Diese Abendgesellschaft sieht Schwarze auch nicht als minderwertig an oder verbindet sie mit negativen Eigenschaften, ganz im Gegenteil. Die erhöhte Leistungsfähigkeit von Schwarzen wird sogar hervorgehoben. Allerdings auf einer sehr physischen Ebene. Selbst Chris‘ künstlerische Fähigkeiten als Fotograf sind hier nur das Ergebnis seiner Augen. Hier geht es schlussendlich nicht um den Menschen, sondern um die Vorteile durch die Hautfarbe. Peele gelingt es dabei zwei Formen unterschwelligen Rassismus aufzuzeigen, der eben auch insbesondere bei Personen zu beobachten ist, die sich selbst als weltoffen sehen oder zeigen.

Einerseits wird in Schwarzen immer noch in erster Linie die Hautfarbe gesehen und nicht der Mensch und andererseits wird afroamerikanische Kultur ohne Kontext übernommen – quasi als Accessoire. Peele denkt dies in meinen Augen überspitzt zu Ende. Die Schwarzen werden komplett entmenschlicht und zu Objekten gemacht denen man mal schnell das eigene Gehirn einpflanzen kann. Dies ist in meinen Augen eine wundervolle Allegorie auf kulturelle Aneignung.

Der Film ist meines Erachtens unabhängig von dieser Thematik nicht bewertbar und es würde dem Film auch nicht gerecht werden diesen Aspekt nicht in den Vordergrund zu stellen. Natürlich ist Jordan Peele ein äußerst spannender, witziger und mit Daniel Kaluuya (Sicario) und Allison Williams (Girls) toll besetzter Film auch abseits des Themas gelungen, aber viel wesentlicher ist es ein wichtiger Beitrag zum oftmals proklamierten post-rassistischen Zeitalter von dem wir noch meilenweit entfernt sind. Gerade weil ich mich als weltoffener, liberaler Weißer durchaus angesprochen fühle – wahrscheinlich gerade weil Peele nicht mit dem erhobenen Zeigefinger inszeniert.

Also schaut euch dieses Debütwerk irgendwo zwischen Die Frauen von Stepford, Scream und Rosemaries Baby unbedingt an, ihr werdet es nicht bereuen!

 Diese Kritik erschien zuerst auf 100 Years of Terror.

Fakten und Bewertung

Originaltitel: Get Out
Land: USA
Laufzeit: 104 Minuten
Regie: Jordan Peele
Drehbuch: Jordan Peele
Cast: Daniel Kaluuya, Allison Williams, Bradley Whitford, Catherine Keener
IMDb: 8,1
FSK: 16
Release: Ab 04.05. 2017 im Kino
Bildrechte: Get Out © Universal Pictures International
Florian

Florian

Horror-Fanboy bei 100 Years of Terror
Ich werde versuchen euch zu entführen in die Abgründe der Filmwelt. Ins Verborgene! In die surrealen, phantasmagorischen Schatten, die von all dem Liegengelassenem und Verdrängtem an die Leinwand geworfen werden.
So folgt mir auf die Schutthalde der Zivilisation - wir werden viel zu entdecken haben.
Florian

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