Review: „Ghost In The Shell“ (2017)

„Ghost In The Shell“ ist die bildgewaltige Realverfilmung des gleichnamigen Kultanimes, in der „The Avengers“-Star Scarlett Johansson als Cyborg Jagd auf einen Hacker macht und mit ihrer eigenen Identität konfrontiert wird.

Basierend auf der gleichnamigen Manga- und Animereihe, erzählt „Ghost In The Shell“ die Geschichte von Major, einem weiblichen Cyborg mit menschlichen Gehirn, die das Team von Sektion 9 leitet – einer Behörde zur Sicherung innerstaatlicher Angelegenheiten und Terrorbekämpfung. Eines Tages taucht ein Hacker mit dem Namen Kuze auf, der offenbar das Ziel verfolgt, den Großkonzern „Hanka Robotics“ mittels Cybertechnologie zu zerstören. So werden Major und die Sektion 9 auf den Fall angesetzt, nicht ahnend, dass Kuze der Schlüssel zu Majors Vergangenheit zu sein scheint.

„Ghost In The Shell“ bekommt nun endlich seine eigene Verfilmung und legt zumindest visuell ein Brett von einem Film hin. Optisch bis ins kleinste Detail ausgearbeitet, bietet die Live-Action-Version der beliebten Anime-Reihe einen Schauwert nach dem anderen und wirft den Zuschauer mitten hinein in eine erschreckend reale Welt aus Computertechnologie und Cyberkiminalität. Ob nun die Auswahl des Set Designs oder aber auch das Erscheinungsbild rund um Sektion 9 und der Charaktere „Major“ oder „Batou“ – alles ist passend, von der ersten bis zur letzten Einstellung. Alles ist bunt, schrill und wirkt verachtend und befremdlich im Hinblick auf eine solche Zukunft. Man kann ohne Übertreibung sagen, dass „Ghost In The Shell“ die wohl mit Abstand „schönste“ Anime-Realverfilmung ist.

 

Viel „Shell“ um wenig „Ghost“

Dass jedoch trotz aller Bemühen, die Welt von „Ghost In The Shell“ zu rekonstruieren, die Story etwas auf der Strecke bleibt, bleibt leider nicht aus. So ist der Film zwar keine 1:1-Kopie des 1995er Werks, verliert sich aber zu sehr in den optischen Vorzügen. Zumindest sei positiv zu erwähnen, dass sich die Drehbuchautoren Jamie Moss und Jonathan Herman durchaus Gedanken gemacht haben. Sie greifen unglaublich viele Elemente aus dem kompletten Franchise auf und vereinen diese zu einer eigenständigen Story, anstatt die bisher vorhandene wahllos zu kopieren, auch wenn einige Szenen aus dem ersten Film teilweise komplett übernommen wurden. Dies ist aber alles andere als tragisch. Ganz im Gegenteil: So sind es gerade die kopierten Szenen, auf die die Fans gehofft haben.

Ernüchternder hingegen ist da schon der Gedanke, dass der Live-Action-Version genau das fehlt, was das Original so originell und vor allem wegweisend macht: eine clevere und tiefgründige Story. Obwohl der Film alles andere spannungsarm daherkommt, fehlt ihm die Substanz; der „Ghost“. So plätschert der Streifen von einer (durchaus unterhaltsamen) Actionszene zur nächsten, immer wieder unterbrochen von Fragen um das eigene Dasein, welche weniger den Verstand beanspruchen als im 95er Film. Doch dieses hat Sanders in einem Interview ja schon angeben: Seine Version von „Ghost In The Shell“ sei weniger philosophisch als das Original.

 (“I don’t think that you could have taken the ’95 film and just remade it frame to frame. I think it’s too philosophical and too introspective“).

Dies hat sich im Nachhinein womöglich als Fehler herausgestellt, denn während des Abspanns hat man das Gefühl, irgendwie alles an der Story irgendwo schon einmal gesehen zu haben. Andererseits: Hat man nicht alles irgendwie, irgendwo schon einmal gesehen? Kann man den Film deswegen bestrafen, nur, weil er nicht der Formel des Originals folgt? Auf der einen Seite ja, da der Zuschauer genau diese erwartet, auf der anderen Seite hingegen wollte Sanders einen unterhaltsamen Blockbuster schaffen, der sich weniger mit philosophischen Fragen aufhält. Dies ist ungefähr vergleichbar wie mit der ebenso weiter voran getriebenen Storyline im „Ghost In The Shell“-Universum rund um das Serienformat „Stand Alone Complex“ oder dem darauf folgenden Film „Solid State Society“. Auch hier wurden die religiösen und philosophischen Elemente immer mehr in den Hintergrund gerückt. Hardcore-Fans mögen sich vielleicht daran verschlucken. Alle anderen, die sich weniger mit dem eigentlichen Kern der ersten Filme und dem Manga auseinander gesetzt haben, oder diese schlicht und ergreifend zu anstrengend fanden, werden durchaus auf ihre Kosten kommen. Als einen kompletten Reinfall kann und darf man die Handlung nicht bezeichnen.

Ebenso wie an der Handlung scheiden sich auch an der Besetzung oftmals die Geister. So kam es im Vorfeld wieder einmal zu diversen „White-Washing“-Protesten, da es sich um eine Verfilmung eines japanischen Animes handelt. Ein gepflegter Gruß mit dem Mittelfinger ist so gesehen keine schlechte Antwort, denn spätestens nach der ersten Szene vergisst man dieses „Jammern auf hohem Niveau“! Der nicht-japanische Cast ist weder eine komplette Fehlbesetzung, noch wurde ansatzweise groß etwas an den Figuren geändert. Lediglich einige Modifikationen (um im Roboterbereich zu bleiben) wurden vorgenommen. Scarlett Johansson macht als Major einen akzeptablen Job, auch wenn ihre Figur manchmal etwas an Gleichgewicht verliert und ihre Verzweiflung und Verwirrung nicht ganz überzeugend dargestellt wird. Jedoch hatte sie schon schlechtere Darstellungen in diversen Filmen. Einen großartigen Job hingegen hat der dänische Schauspieler Pilou Asbaek abgelegt. Seine Verkörperung von Majors menschlichen Kollegen Batou ist so überzeugend, dass man ihn einfach mögen muss. Besser hätte man die Rolle nicht spielen können! Durch Batou erhalten wir auch einen kleinen Einblick in den Zeitabschnitt gegenüber der Anime-Fassung, da Batou am Anfang der neuen Version noch keine kybernetischen Augen besitzt. Das wiederum bedeutet, dass der Realfilm eigentlich zeitlich VOR dem 1995er Original angesiedelt ist. Wenn wir gerade von großartigen Darstellungen sprechen, so muss man noch Michael Pitt erwähnen. Der „Boardwalk Empire“-Star verkörpert den anfänglichen Antagonisten „Kuze“, der sich das Ziel gesetzt hat, „Hanka Robotics“ dem Erdboden gleich zu machen und legt dabei eine Meisterleistung ab. Es sind viele kleine bestimmte Dinge, wie die Sprechweise oder die Körperhaltung, die Michael Pitt mit Bravour bewältigt. Man will mehr über ihn erfahren und wartet eigentlich nur auf sein neuerliches Erscheinen. Viele Kritiker verglichen ihn mit dem „Puppet Master“, was sich aber als Fehlentscheidung herausstellt, da „Kuze“ eine völlig andere Figur mit komplett anderen Merkmalen ist. Ins Detail zu gehen, ist leider nicht spoilerfrei möglich. Last but not least haben wir noch ein Urgestein des japanischen Kinos: Takeshi Kitano. Was soll man über ihn schreiben? Kitano ist und bleibt einfach eine „coole Sau“. Er macht und spricht nicht viel, aber wenn, dann richtig! Fans und Kenner werden wissen, was gemeint ist („Never send a rabbit to kill a fox“).


Fazit:
Obwohl „Ghost In The Shell“ weder die Tiefgründigkeit noch die philosophischen oder religiösen Untertöne besitzt, die man am Original so sehr schätzte und die ihn bis heute zu einem Meilenstein macht, kann man Rupert Sanders Realfilm trotz alledem zu einer der besseren Verfilmungen zählen, welche diverse schlechte Kritiken nicht verdient hat.  

Anm.d.Red. : Die Kritik zum 1995er Anime findet ihr HIER

Fakten und Bewertung

Originaltitel: Ghost In The Shell
Land: USA/Japan
Laufzeit: 107 Minuten
Regie: Rupert Sanders
Drehbuch: Jamie Moss, Jonathan Herman 
Cast: Scarlett Johansson, Pilou Asbaek, Michael Pitt, Takeshi Kitano, Juliette Binoche u.v.m
IMDb: 6,9 / 10 
FSK: ab 16 Jahren
Release:  30. März 2017

 

Trailer:

Bildrechte: © Paramount Pictures Germany

Jörg

Jörg

Autor bei Film und Feder
Hier soll etwas über mich drin stehen. Wo fange ich an? Hi ich bin...ach wisst ihr was? Ich mache es euch ganz einfach.

Filme sind meine Religion, das Kino meine Kirche, Quentin Tarantino mein Messias und die Hollywood Studios mein Mekka. Ohne all dieses bin ich ein Nichts. Ich bin verloren in der Magie des Films. Alles ist real, außer ich lasse es nicht zu.

Wie schon einst Stanley Kubrick sagte:
“A film is – or should be – more like music than like fiction. It should be a progression of moods and feelings. The theme, what’s behind the emotion, the meaning, all that comes later.”
Jörg

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