Review: „Silence“ (2016)

Scorseses Weg in die Abgründe des christlichen Glaubens.

1638. Die Jesuitenpriester Sebastiãno Rodrigues und Pater Francisco Garupe brechen von Portugal nach Japan auf, nachdem sie die Meldung erhalten haben, dass ihr alter Lehrer Pater Cristóvão Ferreira dem Glauben abgeschworen haben soll. In Japan angekommen, müssen sie miterleben, wie die Christen unter der Bevölkerung durch den Shogun ohne Gnade gejagt und gefoltert werden. Angesichts dieser Grausamkeiten stellt sich die Frage: „Wie kann Gott zu all dem schweigen?“

„Und er sprach zu ihnen: Gehet hin in alle Welt und prediget das Evangelium aller Kreatur.“

-Markus Kapitel 16 Vers 15-

Martin Scorsese ist zurück und präsentiert mit Silence seinen mit Abstand kontroversesten Film. Basierend auf dem 1966 erschienenen Buch, welches vom japanischen Autor Shusaku Endo geschrieben wurde, stellt Scorsese die alles entscheidende Glaubensfrage: Wenn es einen Gott gibt, wieso lässt er dann zu, dass sich unschuldige Menschen für sein Antlitz opfern und sich grauenvollen Qualen aussetzen? Und so zerpflückt er eben diese eine Frage in einem zweieinhalbstündigen Film, bestehend aus unbeschreiblichen Bildern, großartigen Schauspielern und Szenen, die einen bis ins Mark erschüttern.

© Concorde Filmverleih GmbH

Silence ist ein langer und vor allem qualvoller Film, der das Publikum auf eine harte Geduldsprobe stellt. Hin und wieder ertappt man sich dabei, wie man verstohlen auf die Uhr blickt und sich wundert, wie langsam die Zeit vergeht. Man mag nicht hinsehen. Nicht, weil der Film sterbenslangweilig oder gar schlecht ist – ganz im Gegenteil: Silence ist ein kraftvoller Film, der erschüttert und einen das Atmen vergessen lässt. Ganz im Kontrast zu Scorseses üblichen Werken, steht Silence fast gänzlich still und bewegt sich wie in Trance von einer Szene zur nächsten. Vergleiche mit den Filmen von Akira Kurosawa sind dabei gar nicht einmal so unüberlegt. So könnte Silence ebenso von eben jenem großartigen Regisseur stammen. Das ist Scorsese Huldigung an die japanische Seite der Geschichte. Sein Geschenk.

Wie schon in Endos Meisterwerk, besteht das Hauptaugenmerk in Silence im Wort. Ohne Fragen gibt es keine Antworten. Und so wird geredet. Viel geredet. Doch sind es genau die richtigen Fragen, die gestellt werden. Fragen, auf die man keine Antwort weiß. Was ist richtig, was falsch? Welche Seite hat Recht? Damit lässt Scorsese Freiraum für den Betrachter, sein eigenes Urteil zu bilden, über das, was passiert. Irgendwann ertappt man sich selber dabei, wie die Gehirnzellen anfangen, sich zu regen und man sich eben jene Fragen stellt. Wobei es Silence schafft, mit genau diesen Fragen eine unglaubliche Spannung zu erzeugen. Denn jedes falsches Wort könnte das letzte sein.

© Concorde Filmverleih GmbH

Doch schlussendlich ist Silence nichts weiter als ein einziger Kampf – ausgetragen im Handeln eines einzelnen Mannes, der so fest an seinem Glauben festhält, dass er durch nichts auf dieser Welt erschüttert werden kann. Der trotz unendlicher Qualen, tiefer Demütigungen und dem Ringen mit dem eigenen Willen nie von dem Weg abkehrt, den er für sich gewählt hat. Und deshalb lässt Scorsese ihn dafür bluten und tief leiden. Er schickt ihn auf eine Reise ins Ungewisse, wo nur die Kraft des Glaubens ihn sicher die eine andere Seite leiten kann, auch wenn der Weg dorthin alles andere leicht erscheint.

Fazit: Scorsese hat wieder einmal bewiesen, dass er sein Handwerk versteht – auch, wenn Silence dieses eine Mal die Zuschauer in zwei Lager spalten wird.

Trailer:

Fakten und Bewertung

Originaltitel: Silence
Land: USA/Taiwan/Mexico
Laufzeit: 162 Minuten
Regie: Martin Scorsese
Drehbuch: Jay Cocks, Martin Scorsese, Shusaku Endo (Buch)
Cast: Andrew Garfield, Adam Driver, Liam Neeson, Issei Ogata, Yosuke Kubozuka
IMDb: 7,5
FSK: ab 12 Jahren
Release: Ab 02. März 2017 im Kino
Jörg

Jörg

Autor bei Film und Feder
Hier soll etwas über mich drin stehen. Wo fange ich an? Hi ich bin...ach wisst ihr was? Ich mache es euch ganz einfach.

Filme sind meine Religion, das Kino meine Kirche, Quentin Tarantino mein Messias und die Hollywood Studios mein Mekka. Ohne all dieses bin ich ein Nichts. Ich bin verloren in der Magie des Films. Alles ist real, außer ich lasse es nicht zu.

Wie schon einst Stanley Kubrick sagte:
“A film is – or should be – more like music than like fiction. It should be a progression of moods and feelings. The theme, what’s behind the emotion, the meaning, all that comes later.”
Jörg

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