Retro-Review: „Ghost in the Shell“ (1995)

Mit seiner Vision von Gewalt und Entfremdung im Cyberspace schuf Regisseur Mamoru Oshii einen Klassiker für die Ewigkeit. 

Wir schreiben das Jahr 2029. Mensch und Maschine sind nicht mehr voneinander getrennt. Ganze Teile – und sogar das Hirn – des menschlichen Körpers lassen sich durch technische Elemente ersetzen. So ist auch der der Geist („Ghost“) nicht mehr untrennbar mit dem Körper verbunden, wodurch die Möglichkeit besteht, seinen „Ghost“ auf künstliche Körper zu übertragen. In einer Biokapsel („Shell“) stecken dann in jedem Cyborg die Gehirnzellen mit dem „Ghost“, welche die Identitäten und Persönlichkeiten enthalten. Eines Tages taucht ein unbekannter Hacker auf, der sich selbst „Puppet Master“ nennt und es schafft, die Sicherheitsbarrieren der „Shell“ zu umgehen und so die Cyborgs zu kontrollieren. Diese begehen deshalb für ihn Verbrechen und Anschläge, was schließlich die Sicherheitsabteilung von „Sektion-9“ auf den Plan ruft, eine Abteilung zum Schutz gegen Attacken der inneren Sicherheit unter der Leitung von Chief Daisuke Aramaki. So gehen schließlich die Agenten Motoko Kusanagi, Batou und Togusa auf die Jagd nach dem Staatsfeind Nr.1 und werden mit Fragen der eigenen Existenz konfrontiert.

„Als ich ein Kind war, waren meine Gedanken und Gefühle die eines Kindes. Jetzt bin ich erwachsen geworden und kindliche Weisen sind mir fern. Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin.“

1. Brief des Paulus an die Korinther 13:11-12

Wer behauptet, „Ghost In The Shell“ sofort verstanden zu haben, der lügt. Denn obwohl man seine gesamte Konzentration auf den Film legt, so gibt es Elemente oder Hinweise, welche sich erst im Laufe der zweiten oder gar dritten Sichtung vollkommen entfalten. Das liegt ebenso daran, dass „Ghost In The Shell“ mitunter zu einem der vielschichtigsten und durchaus bemerkenswertesten Animes aller Zeiten gehört. Gespickt mit religiösen Untertönen und philosophischen Fragen, stellt dieses Meisterwerk der japanischen Kunstschmiede nicht nur Fragen um die eigene menschliche Existenz, sondern wirft auch einen Blick in eine durchaus erschreckend reale Zukunft.

Was wäre also, wenn in Zeiten sich ständig weiterentwickelnder technologischer Möglichkeiten die Lebensdauer menschlichen Lebens auf eine unbestimmte Zeit verlängert werden kann? Wie menschlich ist man am Ende dann noch? Endet ein Leben mit dem Zerfall des biologischen Körpers, oder ist man trotz alledem noch ein Mensch – auch, wenn die Hülle aus Fleisch und Knochen durch Stahl und Synthetik ersetzt wurde? Und was ist, wenn das eingepflanzte Cybergehirn selbständig anfängt, sich zu entwickeln und zu denken? Wenn dem so ist, wo läge die Grenze zwischen Mensch und Maschine?

Doch auch wenn diese Fragen meist im Vordergrund des Geschehens stehen und der Film durchaus sehr viele ruhige Passagen aufweist, in denen oft nur geredet wird, so ist „Ghost In The Shell“ alles andere als ein anderthalbstündiger Vortrag um das eigene Dasein. Auch Fans harter Action und intelligenter, spannender Stories werden gut bedient, da es sich bei dem Film schlussendlich um einen großartigen Cybercrime-Thriller handelt, der weitaus mehr ist, als es anfangs den Anschein hat. Mittels komplexer Figuren wie „Major“ Kusanagi oder ihrem Kollegen Batou verliert der Zuschauer nie das Interesse am eigentlichen Geschehen. Wobei es „Major“ ist, auf der das Hauptaugenmerk liegt. Obwohl man so gut wie nichts über sie erfährt, glaubt man doch, alles über sie zu wissen, nur um wieder eines Besseren belehrt zu werden. Das ist nicht nur cleveres Scriptwriting, sondern beweist auch, wieviel Wert man auf die eigentlichen Punkte des Films legt: Story und Figuren. All dies spiegelt sich in der Animation wieder, welche man definitiv zu den besten der gesamten Branche zählen kann. Selbst nach über 20 Jahren wirkt sie alles andere als „altbacken“. Die Bewegungen, das Setting oder auch die Proportionen der Körper – alles ist bis auf das Haar genau perfekt in Szene gesetzt, auch wenn „Major“ nicht ein einziges Mal während des gesamten Films blinzelt, was ihr den Anschein einer Puppe verleiht. Dies ist jedoch sehr gut gewählt, da „Major“ ebenso ein Cyborg  ist, wie die Opfer des „Puppet Master“. Und wenn der Hauptcharakter genauso anfällig für Manipulationen ist, wie die Opfer des Gegenspielers, wie soll sie sich da noch sicher fühlen?

Dass „Ghost In The Shell“ nicht nur einen Einfluss auf die Wirksamkeit japanischer Animes oder Mangas im westlichen Teil dieser Erde hat, ist zweifelsohne bewiesen. So bezeichnet der deutsche Filmkritiker und Filmwissenschaftler Daniel Kothenschulte „Ghost In The Shell“ und ebenso „Akira“ als „Türöffner des Animes in Richtung Westen“. Scharen von Drehbuchautoren und Regisseure haben sich von dem Anime inspirieren lassen, unter anderem die Wachowskis, die ganze Teile und Ideen von „Ghost In The Shell“ in die Erfolgsreihe „Matrix“ haben einfließen lassen. Aber auch Filme wie „Dark City“ oder „I,Robot“ nutzen die Grundidee rund um die Weiterentwicklung und eigenständiges Denken künstlicher Intelligenz und verweisen immer wieder auf den Klassiker von Mamoru Oshii.

Fazit: Mamoru Oshii’s Cybercrime-Thriller „Ghost In The Shell“ ist und bleibt bis heute einer besten Animes aller Zeiten und spricht dank einer intelligenten Story, atemberaubenden Actionszenen und komplexen Figuren nicht nur Fans der fernöstlichen Kunst an.

Fakten und Bewertung

Originaltitel: Ghost In The Shell
Land: Japan
Laufzeit: 85 Minuten
Regie: Mamoru Oshii
Drehbuch: Kazunori Itô (Drebuch), Masamune Ishikawa (Manga-Vorlage)
Synchro:Cast: Atsuko Tanaka, Lemasa Kayumi, Akio Otsuka, Koichi Yamadera u.a
IMDb: 8,0
FSK: ab 16 Jahren
Release: 18. November 1995 (Japan),15. November 1996 (Deutschland)

Trailer:

Bildrechte: © rapid eye movies

Jörg

Jörg

Autor bei Film und Feder
Hier soll etwas über mich drin stehen. Wo fange ich an? Hi ich bin...ach wisst ihr was? Ich mache es euch ganz einfach.

Filme sind meine Religion, das Kino meine Kirche, Quentin Tarantino mein Messias und die Hollywood Studios mein Mekka. Ohne all dieses bin ich ein Nichts. Ich bin verloren in der Magie des Films. Alles ist real, außer ich lasse es nicht zu.

Wie schon einst Stanley Kubrick sagte:
“A film is – or should be – more like music than like fiction. It should be a progression of moods and feelings. The theme, what’s behind the emotion, the meaning, all that comes later.”
Jörg

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